#elphiselfie

von Hannah Schmidt

Kaum ist der Saal eröffnet, ist jedes Konzert in der Elbphilharmonie für die nächsten zwei Jahre ausverkauft. Dem Öffentlichkeitszuständigen muss sehr langweilig sein. Bei der Anfrage nach Pressekarten für Mahlers Zweite Sinfonie im Februar 2017 hieß es, das Kontingent für die Aufführungen sei komplett erschöpft, es gäbe maximal Karten für die Generalprobe. Als die Probe dann, weil es für das Orchester so gut lief, kurzfristig abgesagt wurde, bekamen  wir aber doch noch Karten für ein Konzert – am Sonntagmorgen um 11 Uhr. Was für ein Privileg! Wir haben direkt die Kamera eingesteckt, sind nach Hamburg gefahren und haben vor dem Konzert eine Menge Elphiselfies gemacht – wer weiß, wann man noch einmal dorthin kommt.

Wie ein Kreuzfahrtschiff

Von weitem sticht die Philharmonie über die meisten Gebäude der Stadt heraus: Sie überragt wie ein gigantisches Kreuzfahrtschiff das meiste, was in Hamburg noch so in der Gegend herumsteht. Dabei wirkt sie vom Land aus betrachtet erstaunlich eingequetscht zwischen den Speicherstadtgebäuden, den Bürohochhäusern und Schiffsmasten. Geht man zu Fuß, scheint sie hinter jeder Ecke größer geworden zu sein – aber näher gekommen ist sie immer noch nicht.

#elphiselfie No. 1

Es stürmt und regnet, und Massen von Menschen laufen über die letzten zwei Brücken, über die sie dem architektonischen Monstrum näher kommen. Unten vor dem Eingang: Rentnerapokalypse. Es ist offenbar echt schwierig, die gekaufte Karte über das Lesegerät zu halten und dann durch das Drehkreuz zu gehen. Alle sind hektisch. Es ist voll. In der Luft liegt eine kreative, eine neugierige Anspannung. Und Meeresgeruch.

Interessant und gemütlich

Wohnzimmerkuschelstunde.
Wohnzimmerkuschelstunde.

So seltsam klein Hamburg wirkt in Anbetracht dieses riesigen Gebäudes, so eng und eingemuckelt die Philharmonie am Wasser steht, so interessant gemütlich und, ja, irgendwie wohnzimmerhaft ist es auch im Konzertsaal. Hamburg ist Elbphilharmonies Wohnzimmer, und die Elbphilharmonie ist das Wohnzimmer der Gäste. Es gibt sogar Kuschelsitze! Wie im Kino.

Schaut man sich um, wirkt es nicht, als wären 2000 Leute im Saal. Das Parkett ist klein gehalten, es sitzen immer ein paar Hundert Besucher in ihren „Waben“, die im Kreis um die Bühne herum aufgebaut sind. Es ist warm, das Licht dunkelgelb.

So nah wie nie zuvor

Elphiselfi No. 2
#elphiselfi No. 2

Als es losgeht, habe ich Kribbeln im Bauch. Wir sitzen recht weit vorne, etwas höher als das Parkett. Ich habe das Gefühl, so nah an den Musikern dran zu sein wie noch nie zuvor. Ich höre auch alles, sogar das Knicken der Seiten, wenn die zweite Cellistin leise umblättert, und als der Tubist vorsichtig seinen Dämpfer ablegt, fühle ich das sogar in den Füßen. Alles in diesem Saal vibriert. Der Klang ist durchsichtig, ich höre auch an lauteren Stellen die Harfe noch, die Pianissimo-Momente sind präsent und satt. Ich höre aber auch jeden Kratzer und jede Unsauberkeit. Aber das ist ja auch in Kammermusiksälen so. Wer akustisch und räumlich nah dran ist, bekommt eben viel mit.

Husterei wird nicht verstärkt

Was angenehm ist: Das Publikum hustet nicht in die leisen Stellen, aber wenn jemand im Publikum hustet, hallt das Geräusch nicht durch die Konzertakustik und die Raumarchitektur maximal verstärkt durch den ganzen Saal. Jedes Husten und jeder auch ausladende Nieser bleibt in der Wabe, aus der er kommt. Es stört nicht. Wie schön.

Aufwendig versteckt.
Aufwendig versteckt.

Als die Orgel einsetzt, drehen sich die Gäste, die zuvor noch nichtsahnend vor dem hinter silbernen Röhren versteckten Instrument saßen, verwundert um, tuscheln miteinander. Die Orgel klingt toll. Ist ja auch ein schönes Instrument. Aber sie klingt wie in Watte gepackt, nah, aber nicht zu gefährlich. Voluminös, aber nicht so, dass sie alles überdeckt. Nimmt der Organist die Finger von der Taste, ist im selben Augenblick der Klang weg. Das ist wie Luftanhalten und fühlt sich nicht so schön an.

Ziemlich unmittelbar

Bei dem Konzert war ich der Musik so nah, dass sie mich ziemlich unmittelbar angreifen konnte. Für mich, die ich sowas noch nicht erlebt hatte, keine leichte Situation. Nach der Sinfonie fühlte ich mich, als wäre ich gerade erst aufgewacht und hätte im Schlaf schlimm geweint.

Elphiselfie No. 3
#elphiselfie No. 3

Da ist es ziemlich Zurückinsjetzt, wenn man direkt ein paar Treppenstufen tiefer auf einen Balkon gehen kann, wo einem der Februar kalte Wintermeeresluft in die Haare pustet. Von da oben hat man auch nicht mehr das Gefühl, im Wohnzimmer Hamburg eingequetscht zu sein. Man thront darüber.

Wie naiv seid Ihr denn bitte?

von Thilo Braun

Es gibt eine Frage, die ich in Interviews immer wieder gerne stelle: „Klassik. Was ist das eigentlich?“ Und interessanterweise sind es ausgerechnet die Insider der Szene, die sich davon oft überrumpelt fühlen. Klassik? Naja, das ist ja ganz Vieles, allein die Geschichte, na und die Kunst der Komponisten, die Vielfalt an Genres und weiß Gott noch alles! Diesen Kosmos spontan zusammenfassen? Unmöglich.

Neueinsteiger, die erst beginnen, sich ins Repertoire einzuhören, tun sich da leichter. Oft erzählen sie einfach, was sie momentan begeistert, dass „Mozart so wahnsinnig viel geschrieben hat!“ oder „dass es da so spannende Geschichten hinter den Werken gibt“. Die Antworten selbst sind natürlich oft einfacher. Wer noch nicht viel gehört hat, muss keinen jahrelang gewachsenen Erfahrungsschatz managen, die Eindrücke sind frisch, aber weniger komplex.

Aber wieso eigentlich ist es mir und vielen Insidern der Szene so wichtig, dass Klassik in ihrer „Komplexität“ wahrgenommen wird? Vielleicht, weil man irgendwann meint zu wissen, was schon Cicero wusste, nämlich dass wir allgemein gesehen doch immer Unwissende bleiben? Angesichts der unendlichen Fülle der Musik wird jeder Versuch, sie in ihrer Gänze zu begreifen, zu einer Lächerlichkeit. „Klassik ist…“ – egal was nach diesem Satz kommt, es wird eine Vereinfachung darstellen. Was tun wir stattdessen? Eifrig studieren wir die Werke, brüten über musikwissenschaftlichen Quellen, versenken uns in Philosophien, Schriften, Theorien. Möglicherweise gelingt es uns ja so, dem Kern der Musik zumindest ein klitzekleines Stückchen näher zu kommen, hoffen wir.

Aber manchmal habe ich auch Angst. Davor, dass wir in solchem gut gemeinten Streben das Gleichgewicht verlieren. Dass wir die Wunder der Musik sezieren, noch bevor wir sie überhaupt zur Kenntnis genommen haben. Was, wenn wir unsere Neugierde verlieren? Die Entdeckerfreude? Wenn wir nicht mehr im Klang schwelgen, uns fesseln, verführen und verstören lassen?

In Fachkreisen wird überhaupt wenig von emotionalen Aspekten gesprochen. Sie scheinen, da subjektiv, irrelevant zu sein. Dabei sind es ja gerade diese Erlebnisse, die uns zur tieferen Beschäftigung mit dem Gegenstand „klassische Musik“ getrieben haben. Vielleicht müssen wir ab und zu mal den Kopf ausschalten. Und einfach nur zuhören. Diese Naivität wird der Musik nicht schaden, uns aber könnte sie guttun.

Foto: Playground by Seabamirum (CC)

„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 3

Das Finale steht vor der Tür und ich hab immer noch nichts über Wettbewerber geschrieben. Aber hättet ihr meine Einschätzung von allen 26 Duos, ergo 52 Musikern lesen wollen? Ich auch nicht. Gestern hat also das große Aussieben eingesetzt, dem leider auch Harriet Burns und Ian Tindale – die größten Sympathieträger aller Teilnehmenden – zum Opfer gefallen sind. Schade, aber insofern verständlich, als dass Harriet gestern irgendwie ziemlich eng in den Höhen klang. Das war am Mittwoch noch nicht so. Weshalb die beiden für mich so wichtig waren, hat folgenden Grund: Ihre Interpretationen erschienen wundervoll nahbar. Zum einen liegt das an dem fantastischen Zusammenspiel, zum anderen an der Sensibilität der Performance.

Burns und Tindale, die sich in London eine WG teilen, liegt das Lied als Kunstform besonders am Herzen . „Manche Leute halten es für altmodisch, aber ich denke: Das ist es auf keinen Fall.“, erklärt Ian und rückt seine Brille vor den freundlich verschmitzten Augen zurecht. „Ob ich noch Solo-Programm mache? Oh nein, ich arbeite mehr als Korrepetitor!“ Er und Harriet gehören zu der Sorte Künstler, die ihre eigene Persönlichkeit mit auf die Bühne nehmen: sorgfältige Ausarbeitung von Phrasen, sehr viel Sensibilität für die Reaktionen des jeweils anderen und eine .. nunja, irgendwie typisch englische Respekthaltung vor der Sache selbst. Ians Art, leise zu spielen hat etwas sehr fürsorgliches – der Sängerin und den Stücken gegenüber. Naja, die Jury hat entschieden…

…und der Rest meiner Favoriten ist ja noch drin! Allesamt Baritone. Tatsächlich haben sich die männlichen Sänger prozentual besser durchsetzen können. Und ja, das ist auch begründet. Der übellaunigen Gesangsprofessor, der gestern neben mir saß, bestätigte mein Gefühl, dass es zum einen an interessanten Frauenstimmen gemangelt habe und zum anderen die Stücke schlecht ausgewählt wurden. Die jungen Damen hätten sich einfach charakterstärkere Stücke mit szenischerem Inhalt aussuchen und vortragen müssen. Dann hätten sie dem ein oder anderen Konkurrenten noch ein Schnippchen geschlagen.

Eine schöne, mehr oder weniger unerwartete Wahl fürs Finale ist die Mezzosopranistin Clara Osowski mit ihrem Begleiter Tyler Wottich. Die beiden sind irgendwie anders. Die fast Chanson-artige Erdigkeit in Osowskis Stimme gepaart mit der langsamen Kraft eines Golems, mit der Wottich seine schweren Finger in die Tastatur gräbt, haben irgendwie was für sich. Ihr Auftritt ist wie ein Naturschauspiel – von großer Selbstverständlichkeit geprägt, unbeirrbar und völlig authentisch. Die beiden dürfen jetzt beim Finale auch noch Frontschweine spielen. Ich drücke allen Beteiligten die Daumen und rate euch da draußen dringend, dieses Konzert nicht zu verpassen: http://www.das-lied.com/livestream

 

Konrad Bott

„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 2

Jetzt sind die ersten Runden rum. 26 Duos haben Schumann-, Schubert- und Rihm-Interpretationen zum Besten gegeben, und ich bin wirklich sehr gespannt, ob ich morgen meine Favoriten nochmal erleben darf. Ich finde nämlich, dass ausnahmslos alle gut waren, nur einige eben noch besser. Das klingt fürchterlich pädagogisch, ist aber einfach so. Naja gut – in meinen Augen. Als ich nämlich gestern mit Juror Richard Stokes nach unserem Interview etwas verspätet wieder durch die schmalen Saaltüren geschlüpft war, musste ich neben einem alten Herrn Platz nehmen, der da ganz anderer Meinung war. Das musste er, dessen Name ich nicht kenne und auch nicht kennen mag, leider auch mitteilen und zwar immer, wenn gerade mal nicht gesungen wurde.

Ich habe nichts gegen mitteilungsbedürftige Menschen, aber der gute Mann hatte wohl einen Almanach der political incorrectness verschluckt. Die oberflächlichen, frauenfeindlichen Bemerkungen konnte ich noch ganz gut als Altherrenwitze abtun, aber als dann in Bezug auf den Belsazar-Text Heines auch noch Antisemitismus ins Spiel kam, hab ich ihm den Todesblick gegeben. War ganz passend … Mene mene tekel u-parsim … Aber bevor hier der Eindruck entsteht, ich könne alte Männer nicht leiden: Das Gespräch mit Richard Stokes war eine der schönsten Begegnungen mit unbekannten Menschen, die ich je gehabt habe. Als Sänger, Übersetzer verschiedenster Liedtexte und Professor an der Royal Academy of Music ist Stokes eines der ältesten Mitglieder der Jury. Könnte ich mir einen Opa adoptieren, um den Verstorbenen zu ersetzen, wäre er sofort genommen.

„Weißt du, manchmal ist ein komponierter Takt Pause das Wichtigste an einem ganzen Lied. Mit dieser Spannung umzugehen ist nicht einfach: Machst du sie zu kurz, kann sie sich nicht entfalten, machst du sie zu lang, ist es unglaubwürdige Selbstdarstellung“, erklärt der Juror und wechselt dabei ständig vom Englischen ins Deutsche. Ich hatte so viele Fragen auf meinem Zettel, aber wenn Stokes einmal ins Erzählen kommt, will man ihn einfach nicht mehr unterbrechen. „Das wäre eine sehr gute Sache“, antwortet er auf meine Frage, ob es für die Sänger nicht sinnvoll wäre, ein detailliertes Feedback von der Jury zu bekommen. „Und solche Wettbewerbe sind generell super, es sind ja auch viele Agenten hier, die ihre Ohren offen halten. Aber du solltest nicht bei einem Wettbewerb mitmachen, wenn du große Probleme damit hast zu verlieren. Es ist so vieles Geschmackssache hier. Viele Sänger, die bei sowas immer verloren haben, legten glänzende Karrieren hin und leider auch umgekehrt.“

Ein paar weitere Gedanken von Richard Stokes könnt ihr dann in meinem abschließenden Artikel lesen. Heute Nachmittag spreche ich endlich mal mit den jungen Menschen auf der Bühne über all das hier. Jetzt geht`s auch gleich weiter hier im Saal. Ihr wollt kontrollieren, ob sich meine Meinung über die Wettbewerber von der der Jury unterscheidet? Hier sind meine Favoriten:

Modestas Sedlevičius (Bariton) – Anna Anstett

André Baleiro (Bariton) – David Santos

Harriet Burns (Sopran) – Ian Tindale

Samuel Hasselhorn (Bariton) – Renate Rohlfing

Gina May Walter (Sopran) – Bangin Jung

… und hier seht ihr, wer tatsächlich weiter gekommen ist: http://www.das-lied.com/livestream/

 

Konrad Bott

„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 1

„In der Oper kann dir viel vom Regisseur abgenommen werden – beim Lied übernimmt man die volle Verantwortung.“ Charlotte Lehmann stützt sich auf die Armlehnen des tiefen schwarzen Sessels im Theaterfoyer, um nicht völlig von dem Ungetüm verschluckt zu werden. Trotzdem flößt mir die kleine, einnehmend sympathische alte Dame gehörigen Respekt ein. Kein Wunder – rund um die Erde profitieren Sänger seit Jahrzehnten von ihren Meisterkursen. Als eine der wichtigsten Sängerinnen der Nachkriegszeit ist sie ein altes Juroren-Häschen und bewertet jetzt beim Wettbewerb „Das Lied“ die jungen Musiker. Der wird das erste mal in Heidelberg statt Berlin ausgetragen. Vier Tage, in denen sich Sänger und Pianisten um eine kompositorische Randgruppe – oder Königsdisziplin? – kümmern: das Kunstlied.

„Eines unserer konzentriertesten, subtilsten und gleichzeitig komplexesten Ausdrucksmittel“, sagt Charlotte Lehmann, und ich kann ihr da nur zustimmen. Keine musikalische Gattung ist so intim wie das Lied. Das liegt natürlich einmal daran, dass man singt, ganz klar. Das Musikinstrument bist du selbst, also lass die Hosen runter! Aber es gibt viele andere Aspekte, die Liedgestaltung für Sänger und Pianisten gleichermaßen spannend und wertvoll machen. Zum Beispiel, binnen Sekundenbruchteilen durch die Erzählperspektiven zu hüpfen, Rollen zu wechseln und dabei auch noch zu meinen, was man singt. Letzteres klingt banal, kann aber der Glaubwürdigkeit einer Interpretation sofort den Todesstoß versetzen.

Deshalb hält die Grande Dame der Juroren auch beim 14. Duo am ersten Tag die Augen wachsam offen. „Einem guten Sänger will man doch auch zusehen. Weil er den Ausdruck zu jeder Sekunde im Körper trägt. Sänger, die nicht frei sind mit ihren Gesichtszügen, die sind auch meist nicht frei im Ton.“ Ist es auch für Opernsänger wichtig, sich mal mit Liedgestaltung zu beschäftigen? „Oh ja, oh ja!“ Lehmanns Augen glänzen, und sie hüpft ein bisschen aus dem Sessel. „Die feinsten Schattierungen in der Stimme lassen sich nirgendwo besser trainieren. Außerdem muss man genau so intelligent wie musikalisch sein, um die Texte zu durchdringen.“ Um sich eine Rolle im Musiktheater anzueignen, ist das natürlich Gold wert.

Meine Kollegin Hannah hatte mit ihrem Bericht zum ARD-Wettbewerb so schön das Thema „Bewertung“ beleuchtet, dass ich mich entschlossen habe, darüber zu schweigen. Frau Lehmann sieht das ohnehin unproblematisch: „Hier sind das solche Bögen mit einzelnen Kriterien, die man dann bewerten kann. Diskutiert ist bis jetzt noch nicht worden, das wäre uferlos.“ Das stimmt. Wer sich die Duos anhört, kommt sich vor wie in einem akustischen Einkaufsparadies: alles so schön bunt hier! Nur ganz selten ist mal eine angestoßene Banane dabei, die man behutsam wieder zurück legt – mit der Delle nach hinten. „Die Leute, die hier ankommen, brauchen sich nicht sagen zu lassen, dass sie bestimmte Sachen anders machen sollten. Die sollen sich jetzt entfalten, und wir sehen, wer damit überzeugt!“ Vielleicht wäre ein Feedback ab und an aber doch ganz nett. Da frag ich morgen mal nach …

Für alle, die mal reinschauen möchten – gleich geht`s weiter: http://www.das-lied.com/livestream/

Almost Famous – oder auch nicht

Ich stehe nicht auf der Liste. Mal wieder. Sowas passiert nicht immer, aber oft genug, um damit ab und an rechnen zu müssen. In solchen Situationen denke ich an den Film „Almost Famous“, der auch vor verschlossenen Türen beginnt. Der junge Musikjournalist William Miller kommt nicht ins Konzert, obwohl er für ein lokales Fanzine ein Interview mit Black Sabbath führen soll. Aber hier geht es nicht um Black Sabbath. Es geht um eine Johannespassion mit dem Kirchenchor oder einen Jazz-Star mittlerer Bekanntheit oder einen ausverkauften Abend im örtlichen Konzerthaus. Je unbekannter der Arbeitgeber, desto wahrscheinlicher, dass der/die freundliche Kassenbedienstete keine Ahnung hat, woher man kommt, was man will und ob man es darf. Und dann beginnt der Horror.
(Spoiler: Wie William Miller schaffe auch ich es letztendlich immer rein, egal ob zu Recht oder nicht, ergo ob sich der Veranstalter oder die Redaktion geirrt hat. Einmal stand die „eigentliche“ Kritikerin vor mir und sagte mit drohender Stimme „das ist mein Platz…“. Sehr unangenehm sowas, und es war wirklich nicht meine Schuld, ehrlich!)

Für diejenigen, die keine Karten haben und auch keine kaufen wollen, gibt es an der Kasse auch keinen Platz. Im besten Fall gibt es eine Ecke, in die man sich als Kind schon stellen musste, um sich zu schämen. Das Tolle an der Ecke ist auch, dass man dort von ausnahmslos allen dabei gesehen wird. Die Ecke ist der grausige Ort des Wartens, des Wartens auf die Aufklärung, auf wichtige Telefonate, die getätigt werden könnten, wenn denn all die anderen Besucher mit Karten versorgt sind, der Rest geklärt ist und Brigitte kommt, wir warten auf Brigitte. Oder Markus, sie sind vom Management, die können das entscheiden. Warten in der festen Hoffnung, dass ich am Ende doch reinkomme, aber mit genug Ungewissheit, die mir alle paar Sekunden den Magen umdreht. Durchsetzt von Momenten des existentiell bedrohenden Selbstzweifels, der eitlen Selbstbeschwichtigung sowieso zu gut für das alles zu sein und der rastlosen Aggressivität, die kein Ventil finden darf. AAAAH!

Da landet auf mir der hoffnungsvolle Blick eines dieser Menschen, die noch eine Karte loswerden wollen. Auch er wurde von dem/der freundlichen Kassenbediensteten zuvor mit einem äußert netten und bestimmten Blick in die andere Ecke verwiesen, um nach Abnehmern Ausschau zu halten. Ach sie ist krank geworden? Wie schade. Super Plätze! Danke, aber nein danke, ich habe selbst Karten, eigentlich. Aber warum soll ich bezahlen, wenn ich zur Arbeit gehe. Vierzig Minuten stehe ich hier vor der Toilettentür rum, das macht Laune für eine richtig gute Rezension. Was soll ich denn jetzt schreiben? Da möchte ich am liebsten meinen Stolz wieder zusammenkratzen und gehen. Demonstrativ. So. Ich gehe jetzt. Ja. Sofort. Jetzt gleich. Ich warte noch drei Minuten und dann gehe ich. Noch fünf. Na gut sieben. Ah, die sieht wichtig aus, das wird bestimmt, ach doch nicht. Ok, jetzt noch zwei. Noch eine. Jetzt gehe ich aber. Ach Moment, da kommt jemand. „Hier, die da hinten ist von keine-Ahnung-was und sollte wohl auf der Liste stehen.“. Zum Teufel mit eurem Laden! Ich bin – oh, das ging ja schnell, äh… danke…. ja… ok… ich sage Bescheid….. Dann… beim nächsten Mal….

 

Schubertgruselhorror

von Hannah Schmidt

Schritte im Schnee.
Schritt Schritt Schritt Schritt. Pause.
Schritt Schritt. Pause.
Schritt Schritt Schritt. Pause.

Seltsam hohles Saitenklappern mischt sich rhythmisch unter die verstohlene Bewegung. Eine chromatische Bewegung schleicht irgendwo durch die tieferen Register der hohen Streicher, bevor sich die charakteristische fallende Melodielinie aus dem Vorspiel von Franz Schuberts Lied „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“ über die unheimlichen Geräusche mischt. Bevor der einsame, vertriebene Wanderer seufzend zu Singen beginnt, sein „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, gibt es in Hans Zenders „komponierter Interpretation“ noch so einige bizarre, schauderhafte Geräuschmomente, von Hundeknurren hin zu Knochenklappern …

Diese Art der „komponierten Interpretation“ ist eindrücklich. Sie lässt zwar manchmal keine große eigene Deutungsmöglichkeit mehr, weil sie doch sehr deutlich ist. Aber in einem Fall wie bei Schuberts „Winterreise“ ist diese inhaltliche Richtung, so düster sie auch sein mag, sehr erhellend. Vor ein paar Tagen habe ich Teile von Zenders interpretierender Orchestration gehört und habe mich unwahrscheinlich gegruselt.

Zwar geht es schon ein bisschen aus dem Text hervor, doch macht Zender es vor allem in dem oben angeführten Beispiel von „Gute Nacht“ bildlich: Der Wanderer, der Vertriebene, schleicht nachts im Schnee um das Haus seiner ehemals Geliebten. Das ist unheimlich. Er rekapituliert im Selbstgespräch ihre Geschichte, seine Hoffnungen, das plötzliche und für ihn unverständliche Ende ihrer Liebe. „Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht“ singt er zunächst wie aus Schuberts Vertonung bekannt auf die sich wiederholende Melodie, und schreit es im nächsten Moment grotesk verzerrt, begleitet von beißenden, hässlichen Klangfarben in die kalte Nacht (Brecht lässt grüßen). Spätestens hier ist jede übrig gebliebene Romantik des 19. Jahrhunderts verschwunden, spätestens hier bekommt man als Hörer eine eiskalte Gänsehaut.

Hören mit doppelten Ohren

Gerade zur Zeit, wo ich mich an der Uni intensiv mit der Schubert’schen Vertonung des Gedichtzyklus von Wilhelm Müller beschäftige, höre ich Hans Zenders „komponierte Interpretation“ mit sozusagen doppelten Ohren: Bei genauerem Hinhören und Analysieren stellt sich nämlich heraus, dass schon Schubert den Wanderer im Zyklus als, sagen wir, ein bisschen irre, als klinisch depressiv und mindestens mit dem Hang zu Lust am Leid nachzeichnet. Ja, der Text steckt schon voller Todessehnsucht, Schuberts Vertonung zusätzlich voll Depression und Getriebenheit – und Zenders Interpretation gibt dem ganzen noch einmal ein neues Gesicht: das der Unberechenbarkeit eines psychisch labilen und zutiefst verletzten Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat.

Für mich bedeutete das beim ersten abendlichen Hören bei Stücken wie „Gute Nacht“ und dem „Leiermann“: Grusel pur. Schubertgruselhorror. Kein Müller’sches Abstraktum des Todes in Form eines „Leiermanns“, kein durch die Vertonung quasi sichtbarer alter Mann mit einer kaputten Leier, sondern ein halb verfaulter Zombie, der zuckend und mit verzerrtem Grinsen in einem schief hängenden Gesicht am Wegesrand auf den Wanderer wartet.

Wer die „Winterreise“ kennt, sollte unten auf jeden Fall „Play“ drücken. Wer sie nicht kennt, höre sie sich am besten erst einmal an, und danach Zenders Werk. Ich verspreche: Ihr werdet dieses musikalische Erlebnis nicht vergessen.

Elphi

von Miriam Stolzenwald

Da steht sie nun, auf einem Speicher
und macht die Hansestadt noch reicher.
Sie kostete viel Energie
die neue Elbphilharmonie!

Hamburg sei nun wirklich stolz,
verkündet Bürgermeister Scholz.
Denn nach zehnjähriger Wartezeit
ist man zum Empfang bereit.

Der Baustopp, der ist längst vergessen,
denn die Kosten war’n vermessen.
Und nun sind es 866 Millionen,
die in der HafenCity thronen.

Aus Stahl, aus Glas und aus Beton,
glitzert das neue Wahrzeichen.
2200 Glaselemente
setzen hier ganz neue Akzente.

Das Wasser kann dort reflektieren,
auf der Plaza geht man spazieren.
Auf über hundert Metern Höhe
ragt auf das Dach, wie eine Welle.

Was macht man nun an diesem Ort,
der ja nun ganz schön teuer ward?
Ein Haus für alle soll dasselbe
sein – mitten an der Elbe.

Konzerte, Sinfonien, Choral,
spielt man im wohl besten Saal,
den der Toyota-Akustiker,
mit 10.000 Gipsfaserplatten versah,
die alle einzeln konstruiert,
damit der Klang darin changiert.

Der Intendant, Herr Lieben-Seutter,
wird nun des Kunstwerkes Begleiter.
Karten gibt’s kaum noch für die Saison,
vielleicht noch für das Feuilleton.

In großer Konzert-Zeremonie,
wurd‘ sie eröffnet, die Philharmonie.
Und allesamt sind dagewesen,
Politiker und andere Wesen.

Herr Hengelbrock spielt Beethoven
und andere Intermezzien;
das Publikum ist sehr beseelt –
war’s das, was Hamburgs Musikszene fehlt?

Vergessen ist jetzt das Geschrei
und all die ganze Zankerei,
denn es gab wenig Harmonie
um den Bau der Elbphilharmonie.

Nun könn‘ wir nur die Daumen drücken,
dass dieses Haus die Stadt wird schmücken.
Beendet ist der Baustell‘n-Krieg –
ab nun ist Platz für die Musik.

Das Berichten-wir-Dilemma

von Hannah Schmidt

Zwar schreibe ich hier als Musikjournalistin, doch trotzdem auch als Journalistin, die sich im Alltag auch mit anderen Dingen als Musik beschäftigt – weil ein Musik-Termin auch sehr schnell politisch werden kann. Vergangenen Freitag bin ich bei einem Probenbesuch in eine journalistische Schleife hineingeraten, die mich seitdem nicht mehr los lässt: Ich wollte zu einer Generalprobe in einer von Dortmunds Innenstadtkirchen, weil ich es zum Konzert am nächsten Tag nicht hätte schaffen können.

Kurz vor Beginn sagte man mir am Telefon, etwas sei komisch, alles voller Polizei, und ich solle durch den Sakristei-Eingang in die Kirche kommen. Drinnen angekommen saßen Chor und Orchester auf ihren Plätzen oder im Kirchraum verteilt, untätig, im hinteren Teil der Kirche Polizisten. Leute hätten sich auf dem Kirchturm verbarrikadiert und würden von oben rechte Parolen in die Fußgängerzone rufen, hieß es. Die Pfarrerin der Kirche hatte schon reagiert und die Glocken in Dauerbetrieb geschaltet – draußen hörte man nichts mehr. Proben im Inneren der Kirche war aber auch nicht möglich.

Reaktion eins, Reaktion zwei

Meine erste Reaktion: Ich rief in der Redaktion an. Ausnahmsweise war dort niemand mehr. Zweite Reaktion: Ich holte etwas zum Schreiben heraus und ging zu den Polizisten. Wenig später traf der für den Presse-Kontakt vor Ort zuständige Beamte ein, wir gingen nach draußen, er berichtete Geschehnisse und Details. Einer unserer Fotografen war auch schon da, lief herum und machte Fotos. Riesen Aufmerksamkeit. Als ich in die Kirche zurück wollte, ließ man mich nicht.

In mir fand ein kleiner Kampf statt: Fährst du in die Redaktion und schreibst es auf, bescherst dieser Propaganda-Aktion noch mehr Öffentlichkeit, als sie ohnehin schon hat – oder lässt du es bleiben und verschweigst damit etwas, was mehrere Tausend Leute kopfschüttelnd ohnehin beobachtet haben? Trotz aller Bedenken, die erste Stimme war stärker. Ich fuhr noch einmal zurück und schrieb auf, was der Presse-Zuständige mir vor Ort erzählt hatte. Neutral und knapp. Ich ordnete es weiter unten auf der Startseite an, teilte es nicht in sozialen Netzwerken. Im Laufe der Nacht sollte es immer weiter nach unten rutschen. Ein Kompromiss.

Pustekuchen.

Natürlich blieb es nicht dabei, Kollegen, Zeugen und auch die Rechten selbst suchten und fanden den Bericht und teilten ihn eigenständig. Andere Medien berichteten gleichfalls, boulevardesker, prominenter. Die Propagandisten frohlockten über das Medienecho, das sich bis zum nächsten Morgen und auch noch am nächsten und übernächsten Tag hielt und sich sogar überregional und international ausweitete. Ich wäre am liebsten im Boden versunken.

Zwar riefen und rufen die Berichte bei den Lesern zu fast 100 Prozent Empörung hervor, sie verurteilen die Aktion scharf. Andererseits weiß trotzdem fast jeder im Land, was am Freitagabend auf Dortmunds Kirchturm passiert ist. Was wäre schlimmer gewesen? Diese Situation, wie sie jetzt ist, zu der ich beigetragen habe – oder eine andere, das Nicht-Berichten oder nur kurz anreißen und sonst nichts weiter? Mittlerweile glaube ich, dass nicht so maßgeblich ist, wie ein einzelner Verlag handelt oder Stellung bezieht. Selbst der spätere Entschluss, den Text weiter auf eine dreisätzige Meldung zu verkürzen und mit einer Klausel („Wir berichten nicht ausführlicher Punkt“) zu versehen, hat das Lauffeuer nicht stoppen können. Was es gebracht hat: Die Redaktion hat sich positioniert, sie hat den Propagandisten den Kampf erklärt: „Egal, was ihr tut, wir bieten euch diese Öffentlichkeit nicht.“

Journalismus persönlich beleidigt?

Was da stattfindet, ist ein Kleinkrieg. Die Reaktion finde ich einerseits gut, andererseits hat sie auch etwas persönlich Beleidigtes. Was man aus dieser Meldung herauslesen kann ist: Gruppe X macht etwas, und das verurteilen wir. Im Fokus steht nicht mehr die journalistische Berichterstattung, sondern die politische Haltung der Redaktion. Aber soll das? Ist das sinnvoll? Was passiert, wenn Journalismus bei komplizierten Sachverhalten in erster Linie auf der Meta-Ebene seine Meinung darstellt, anstatt nach nachrichtlichen Kriterien – informativ – darüber berichtet?

Vielleicht wäre die kurze dreisätzige Meldung ohne den moralischen Nachklapp sogar noch besser gewesen. Nicht begründen, warum das keine ausführliche Geschichte wert ist, sondern die Sache einfach so behandeln. Vorleben statt erklären.

Ein Alternativvorschlag

Toll gefunden hätte ich im Nachhinein, glaube ich, diese Nachricht:

„Die Glocken der Innenstadtkirche haben am Freitagabend zwei Stunden ohne Pause geläutet. Der Grund dafür waren Rechtsextremisten, die sich im Turm verbarrikadiert hatten und von oben Parolen brüllten. Durch das Geläut waren sie unten nicht mehr zu hören. In einer gemeinsamen Aktion konnten Polizei und Feuerwehr die acht Männer und Frauen nach einer Stunde wieder aus der Kirche führen.“

Habt ihr eine Lösung?

Ich mach doch nur mein‘ Job!

von Thilo Braun

Tagebucheintrag eines Musikjournalisten

Wie ein Teleshopping-Moderator auf Koks sprang der Pressesprecher hinter seinem lächerlichen Tresen hervor, Eintrittskarten und Programmheft wedelnd, mit der einstudierten Lächelfassade. Schon seit Tagen penetrierte mich die Oper mit billigen Werbemails (ich sag nur „Feuerwerk der Gefühle“). Dennoch hatte ich mich durchgerungen, dem Haus nach einer Reihe mittelmäßiger Premieren eine letzte Chance zu geben. Kaum hatte ich das Foyer betreten, bereute ich die Entscheidung bereits. „Oh das freeeut uns aber sehr, dass Sie uns beehren!“ Diese Schlange. Als ob ich nicht wüsste, wie verhasst ich ihm bin, ja wie empfindlich Monsieur Pressesprecher auf die Spielplan-Kritik meines letzten Artikels reagiert hat. Irgendwie gelang es mir, eine bissige Bemerkung herunterzuschlucken, ich wollte einfach nur möglichst schnell die Karten entgegennehmen und ab in den Saal. Denkste. Dieser Hornochse besaß doch tatsächlich die Frechheit, mir während der Übergabe noch den Flyer für die Operetten-Gala unterzujubeln: „Da müssen Sie unbedingt auch kommen, das wird SEN-SA-TIO-NELL!“ Da hab‘ ich endgültig die Beherrschung verloren und ihm ordentlich die Meinung gegeigt… Wirklich, ich hasse Pressesprecher. Immer dieses anbiedernde Gesäusel, das geheuchelte Interesse – einfach alles an diesem Beruf ist falsch!

Tagebucheintrag eines Pressesprechers

Obwohl ich auf keine meiner Mails auch nur die geringste Reaktion erhalten habe, war ich so weitsichtig, zwei Pressekarten zurückzulegen. Dabei war die Berichterstattung in dieser Spielzeit alles andere als zuverlässig! Kaum sah ich den hochnäsigen Griesgram zur Tür hereinstolzieren, bereute ich die Entscheidung schon wieder. Trotzdem versuchte ich es mit einer einladenden Geste. Ich kramte Karten und Programmheft raus und begrüßte ihn in aller Höflichkeit. Der Dank dafür? Ein abschätziger Blick von Kopf bis Fuß und ein zynisches Lächeln. Wie kann man nur so boshaft und undankbar sein! Nicht einmal den Künstlern zollt dieser Kerl Respekt, die sarkastischen Zwischentöne in der letzten Kritik waren ja kaum zu überlesen. Dass unser Haus auf Berichterstattung angewiesen ist, selbst wenn sie schlecht ausfällt, macht mich manchmal ganz rasend. Dieser Gockel hat doch keinerlei Vorstellungen davon, wieviel Herzblut und Arbeitseinsatz in einer Produktion steckt, die er mit einem einzigen Satz vernichtet! Irgendwie gelang es mir, die Wut herunterzuschlucken – schließlich ging es um die Zukunft des Hauses. Einfach schnell den Job hinter mich bringen. Ich legte noch eine Informationsbroschüre dazu und wollte dem Herrn Kritiker gerade eine gute Vorstellung wünschen – doch dazu kam es nicht mehr. Wie ein Irrsinniger schnauzte er mich an, was mir einfiele seine wertvolle Zeit zu stehlen, ich sei eine penetrante Nervensäge, eine bemitleidenswerte Person und weiß Gott noch was. Mir war das vor den Gästen unendlich peinlich. Wirklich, ich hasse Musikkritiker. Immer dieses Gehabe, als seien sie der Nabel der Welt, die Weisheit in Person, ja die Musikgötter selbst – einfach alles an diesem Beruf ist Selbstbeweihräucherung!