Musik für die Stadionmasse

von Hannah Schmidt

Vor einigen Wochen bin ich aus meinem zweiwöchigen Süditalienurlaub wiedergekommen. Ich habe am Strand gelegen und Pizza gegessen und Wein getrunken, und ich habe viel gelesen und Italienisch geredet und abends in unserer Stamm-Bar Livemusik gehört. Der Besitzer, Adriano, ist ein super Typ. Am allerersten Abend war er nicht da, am zweiten Abend auch nicht. „Ich habe einen Weltrekord aufgestellt“, hat er dann am dritten Abend erzählt, mich mit rein genommen und mir ein wirklich wahnwitziges Video gezeigt:

Da stehen gefühlt zweitausend Menschen auf dem Spielfeld eines Stadions, und sie haben Musikinstrumente. Schlagzeug, E-Gitarre, Bass, Keyboards, auch Geigen sind dabei, und Mikrofone. „Rockin’1000“ heißt das Projekt, das der „Steve Jobs von Rimini“, Fabio Zafagnini, in dem kleinen Ort Cesena auf die Beine gestellt hat: Rockbands aus ganz Italien und auch anderen Ländern der Welt, die zusammen Rock-Klassiker spielen, von den White Stripes bis zu den Foo Fighters, mit Klick im Ohr und unter dem Dirigat von Marco Sabiu, einer Art David Garrett unter den Dirigenten, vielleicht. („In Italien kennt den jeder“, meinte Adriano, als ich nochmal nachfragte.)

In Deutschland ist es Chormusik

Ein ziemlich cooles Projekt, auf jeden Fall. Ich staune noch immer über diese Aufnahmen. Nach und nach fiel mir aber auf, dass es diese großdimensionalen Musikprojekte auch in Deutschland gibt – dann ist es aber Chormusik, die in großem Stil aufgeführt wird. Das heißt dann „Weltgrößtes Chorkonzert“ beim „Day of Song“ 2010 mit 60.000 Chorsängern oder „Weite wirkt“-Festival in Halle Westfalen 2016, wo etwa 1000 Sänger ein Stadion mit ihren Stimmen füllten. Was passiert da, in diesen Momenten? Es scheint wie eine Art Umkehr zu sein: Das Konzert als Format wird aufgebrochen.

Jetzt steht nicht mehr ein einzelner von einer Masse umjubelter Künstler auf einer Bühne, sondern es steht eine Masse an Laien-, Hobby- und bestimmt auch unbekannteren Profi-Musikern auf einem Stadion-Spielfeld und wird von einer Masse von Gleichgesinnten bejubelt. Jeder ist Künstler, jeder ist Schaffender in diesem Moment, und das mit einer Muskelkraft, die kein Solokünstler der Welt aufbringen kann. Das Konzert als Künstler-Darstellungs-Format wird auf den Boden geholt, es wird „common“, allgemein, zu einer Besonderheit auf andere Art.

Foo Fighters nach Italien geholt

Die Sache in Cesena hat eine Tradition: Im Jahr 2015 überzeugten über 1000 Musiker die Foo Fighters, zu einem Konzert nach Cesena zu kommen, indem sie auf einer Wiese deren Song „Learn to fly“ spielten. Die Reaktion: obwohl auf ihrer Welttournee kein Stop in Italien vorgesehen war, spielten die Foo Fighters sowohl in Cesena als auch in Mailand.


Hier die Antwort des Foo-Fighters-Gründers, der in gebrochenem Italienisch seine Begeisterung über das Video aus dem Jahr 2015 ausdrückt und sagt: „Stiamo arrivando“ – „Wir kommen.“


Man kann jetzt anfangen zu fragen, ob das der Musik denn überhaupt gut tut, „nur“ laut und mega zu sein, „nur“ von einer Masse irgendwie gemacht zu werden, mit dem Ziel, Wirkung zu erzeugen – aber ganz ehrlich: Die Fragen möchte ich diesen Videos und dieser Idee nicht überstülpen. Denn da geht es nicht um die Musik als philosophischen Gegenstand, als etwas, vor dem man sich in Ehrfurcht verneigen muss, das man „richtig“ und „falsch“ machen kann. Sondern es geht ums Machen und Erleben, und zwar ohne falsche Maßstäbe, die dem ganzen nicht gut tun würden. Das ist eine so erfrischende Haltung, die ich mir auch für manche Konzerte mit „klassischer“ Musik wünschen würde.

Wieso nicht mal 1000 Laienmusiker auf ein Spielfeld stellen, mit einem einer entsprechenden Interpretation folgendem, extra erstellten Klick oder zumindest Videoübertragung des Dirigats in jeder Reihe und irgendeinem Dirigenten, die Beethovens 9. Sinfonie spielen und singen? Genug Zeit zum Proben muss es vorher geben, klar, jeder, der dahin geht, sollte seine Stimme spielen können – aber das ist ja in Cesena nicht anders gewesen. Das wäre laut und mega und eine ganz besondere Interpretation, vielleicht nicht musikalisch tief bewegend oder schön, aber ein Ruf, den „klassische“ Musik auf jeden Fall mal wagen könnte. Und ein Konzert, das der gute Beethoven selbst wohl bis unter die Erde hören würde.

Ich spinne? Vielleicht – aber ich bin dennoch offenbar nicht die Einzige, die diese Idee hatte, wie ich durch die Hilfe einer Niusic-Mitautorin erfahren durfte. Genau das, Beethovens 9. Sinfonie im Megaformat, findet bereits statt, und zwar in Japan. Lasst euch überwältigen von diesem Götterfunkensturm:

 

Götterfunken gesucht

von Thilo Braun

Sollte ich nicht eigentlich etwas Sinnvolles machen? Etwas Weltverbesserndes, Nützliches? Diese Frage hat sich hartnäckig in meinen Gedanken festgebissen. Während rings umher die Welt aus den Fugen gerät, Terror und Panik wuchern, beschäftige ich mich den Großteil meiner Zeit mit Vergangenem. Ich lese über Mozarts Leben in Wien, analysiere Schuberts Winterreise, erfreue mich an Ordnung und Wohlklang in Bachs Partita. Spannend ist das, klar. Aber braucht die Welt gerade nicht dringender gute Politiker und Aktivisten als klassische Musikjournalisten?

Oh, Freude schöner Götterfunken

Zunächst muss geklärt werden, warum es überhaupt sinnvoll sein soll, die Musik zur Grundlage eines Textes zu machen. Dahinter steckt die Annahme, es gebe weitere Ebenen zu ergründen neben dem reinen Hören, Botschaften zu entschlüsseln, Geheimnisse zu lüften. Und schon ist er wieder da, dieser Reflex, ihre zauberhafte Allmacht herbei zu zitieren. Wer, wenn nicht sie, könnte Kraft ihres Klangs die Welt verbrüdern? Oh, Freude schöner Götterfunken, wäre das schön. Doch der Glaube daran erscheint fragwürdig, Beethoven hat es nicht geschafft, die Welt besser zu komponieren, und auch in unserer heutigen Zeit wird zwar so viel musiziert wie nie, und doch steht es nicht gerade gut um den Frieden. Hat uns ein Märchen getäuscht?

Ich glaube nicht, dass eine im Konzert gespielte Beethoven-Sinfonie ihre Hörer unbedingt zu besseren Menschen macht. Und doch scheint es sie zu geben, Erweckungsmomente durch Musik, unzählige Berichte und Erzählungen bezeugen es, auch ich könnte davon zu berichten. Es stellt sich also weniger die Frage, ob Musik überhaupt Menschen verändern oder die Welt verbrüdern kann, sondern vielmehr, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit das klappt.

Zwei Dinge erscheinen mir elementar. Erstens: Musik muss eine Sprache sprechen, die ich verstehe. Zweitens: Es muss Anknüpfungspunkte geben zwischen dem Kunstwerk und mir als Person. Das klingt banal. Dennoch ist es schockierend nachzuspüren, wie selten diese Kriterien tatsächlich erfüllt werden. Zur Sprache der Musik gehört wie im echten Leben unendlich viel mehr als ihr Vokabular: Noten, Harmonik und Form. Da wäre die Absicht des Komponisten, sowohl bewusster als auch unbewusster Natur, die Situation ihrer Entstehung, ihre Übersetzung durch die Interpreten, der Ort ihrer Äußerung. Missverständnisse lauern allerorten!

Fragen an die Verkünder der Wahrheit

Natürlich, Musik kann sich selbst vermitteln. Und doch liegt es in unserer Macht, möglichst günstige Voraussetzungen dafür zu schaffen. Welche Botschaft erzählen die Spielpläne unserer Konzertsäle? Wie wirken Werke im Zusammenhang? Werden die Aufführungsorte den Werken gerecht? Stimmen Interpretation und Aussage überein? Haben wir die Intention des Komponisten historisch erforscht und verstanden?

Ich verstehe es als unsere Aufgabe als Musikjournalisten, diese Fragen wieder und wieder zu stellen. Dem Musikbetrieb, dem Publikum und uns selbst. Nicht um die Wahrheit zu finden, sondern um ihre voreilige Verkündung zu vermeiden. Wir können die Welt dadurch nicht besser machen. Aber wir werden vielleicht im Nachdenken über unsere Ideale die Voraussetzung dafür schaffen, dass die Musik es kann.