Neulich bei der Uraufführung

von Anna Chernomordik

Der Titel ist gelogen. Es war eine Erstaufführung. Und deswegen war ich nicht einmal da, sondern wegen „Pierrot Lunaire“, einem Stück nicht mehr neuer, aber doch wenig gehörter Musik. Arnold Schönberg hat es 1913 komponiert. Knapp 100 Jahre später traf es in der Schule im Musik-Unterricht bei mir voll ins Schwarze, seine düstere Atmosphäre, die schaurige Romantik der Sprache, die fremdartigen und berührenden Klänge, der leichte Wahnsinn in der gesungenen Sprechstimme. „Endlich habe ich einen Zugang zu neuer Musik!“, dachte ich mir.

Da hielt ich mich aber auch für fortschrittlich, weil ich zeitgenössischer Musik grundsätzlich nicht abgeneigt war. Einige Jahre später hörte ich also das Werk endlich im Konzert, mit einer erstklassigen Besetzung, in einem großen Konzertsaal. (War cool, übrigens, aber es kam nicht ans erste Mal Hören heran und darum geht’s hier auch nicht.) Vorangestellt wurden zwei deutsche Erstaufführungen.

Die Ohren gespitzt, die Klänge aufgesogen, bin ich in der ersten längeren Pause eingeschlafen. Es hat nichts genützt, das verräterisch ruckartige Herunterfallen des Kopfes durch ein betont langsames in-den-Nacken-Rollen abzufangen, als würde man nur die Hörposition wechseln. Wen will ich denn hier beeindrucken? Spätestens beim Applaus fühle ich mich ertappt. Das kleine aber offenbar expertige Publikum jubelt, Bravo-Rufe, eine Frau klopft dem in den ersten Reihen sitzenden Komponisten anerkennend auf die Schulter. Hier ist die Klassikszene lebendig, hier passiert etwas. Aber was? Gern würde ich in die Köpfe der Leute schauen, der Jubelnden, der Nickenden, aber auch derjenigen, die fluchtartig den Raum verlassen.

Was sind das für Menschen, die sich in diesem Konzert wiederfinden? Oder bin ich die einzige, die sich nicht zugehörig fühlt? Je mehr ich höre, desto offener werden meine Ohren, das ist eigentlich die Devise. Und ich gebe mich auch nicht als Expertin aus, aber komplett ahnungslos bin ich auch nicht. Außerdem gab es eine Einführung, einen Einleitungstext und für besonders Interessierte ja sogar die Möglichkeit, den Komponisten anzusprechen. Aber es ist schon schwer zuzugeben, dass man eigentlich nichts verstanden hat. Da war nur so ein Gefühl. Das reicht nicht und das ist sehr frustrierend, als würde die schwere Tür, die man gerade einen Spalt weit aufgekriegt hat, wieder zufallen. Nur ein kleiner ignoranter Hoffnungsschimmer wispert: „Vielleicht war’s ja die falsche?“ 

Gedanken über Kürze und Würze und Musik

von Hannah Schmidt

Ich will zu viel Platz. Im Zug, in meiner Wohnung, beim Kofferpacken. Und beim Schreiben. 6000 Zeichen, heißt es, 400 Zeilen oder „zweispaltig blatthoch, mehr nicht“. Kamikazeartig ziehe ich auf eigene Faust Bildboxen auf der ungedruckten Seite unter oder über meinem Text kleiner, verkleinere Schriftarten, kürze Zwischenzeilen heraus, damit dieser eine Satz noch reinpasst, irgendwie.

Ich gehe in ein zweistündiges Konzert oder in eine vierstündige Oper und habe nachher 80 Zeilen für alles, was ich danach loswerden will. Ich spreche mit Dirigenten und Musikern über ihre ästhetischen Vorstellungen und kriege 6000 Zeichen. Das tut weh. Das Argument im Print kann ich noch verstehen: „Zu morgen haben wir neun Seiten und halbseitige Anzeigen auf der Eins, der Drei und der Vier.“ Es gibt ein festes Layout und mindestens zwei Themen pro Seite. Dazu Notizen und Meldungen. Ein „tragendes“ Bild muss auch drauf sein. Okay. Ich kann mir das vorstellen, weil man nachher die Zeitung in der Hand hält. Beim Halten werden irgendwann die Arme lahm. Es gibt rein physisch gesehen nur begrenzt Platz.

Platz für ganze Bücher

Online kann ich ganze Bücher auf einer Webseite darstellen. Mit Bildern und Videos und Audios und verrückten interaktiven Grafiken. Platz gibt es unendlich. Trotzdem begrenzt man sich. Das Argument hier: „Der Leser“, so heißt es, „verweilt“ nur durchschnittlich soundsolange auf einem Text. Was ist das denn für ein Ansatz? Wir produzieren immer kürzere und zerpflücktere Texte, immer mehr kurze Videos und Fotoslider, mit denen wir den Textfluss zerreißen, anstelle von Buchstaben, immer mehr Links und anklickbare Querverweise pro Satz – und messen natürlich eine immer kürzer werdende Aufmerksamkeit bei „dem Leser“.

Das ist ein bisschen wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei – aber ich vermute, der „Kürze und Würze“-Wahn trägt zu dem immer unaufmerksameren Leseverhalten bei. Ja, es ist fordernd, einen langen Text zu lesen, es ist auch anstrengend, ein dickes und schweres Buch zu lesen oder sich eine Sinfonie oder den ganzen „Ring“ anzuhören und anzusehen. Wer hat noch nie in der Oper geschnauft und heimlich auf die Uhr geguckt? Das sind Längen, die aber Musik als Zeit-Kunst und Text als Zeit-Gattung mit sich bringen. Längen, für die aber „der Leser“ keine Zeit mehr hat. Und Längen, die wir von „dem Leser“ nicht mehr fordern – oder nur in Ausnahmefällen.

Wer oder was ist „der Leser“?

Ich habe den Begriff „der Leser“ hier immer in Anführungsstriche gesetzt. Weil ich glaube, dass es „den Leser“ nicht gibt. Ich würde gerne noch diesen einen Satz oder diesen zusätzlichen Absatz im Text lassen, für den Leser nämlich, der ihn trotzdem liest. Das ist idealistisch. Aber ich möchte nicht einer negativen Entwicklung in der Leser-Welt noch Feuer geben, indem ich mich ihr füge.

Was natürlich nicht heißt, dass nicht viele Texte, die ich in die Welt verbreiten wollte, dadurch sogar gewonnen haben, dass sie gekürzt wurden. Und sicherlich ist die Reduzierung eines Textes um einen oder zwei Gedanken den zusätzlichen Leser wert, der bis zum Ende dabeibleibt. Doch bis sich in mir irgendwann nichts mehr sträuben wird gegen das Credo „Wir müssen uns den Gewohnheiten der Leser anpassen“, wird noch viel Zeit vergehen, glaube ich, viel Erfahrung passieren, viel gekürzt werden und ja – das wird anstrengend.

 

 

Das Sommerloch

von Robert Colonius

Zur Sommerzeit kommt vieles zum Erliegen,
es fließt der Schweiß, es brennt die Luft, o Graus!
Manch einen zieht es in die Welt hinaus,
ein andrer muss sich mit Nichtstun begnügen.

Auch die Musik schweigt oft in dieser Zeit.
Wer übt schon gern, wer spielt schon schön und fein,
statt rauszugeh’n, ins kühle Nass hinein?
Kein Brahms, kein Bach, kein Bass, kein Gong bereit.

Kein Blau des Himmels, noch das Gelb der Sonne,
kein Strand und auch kein Meer sorgen für Wonne,
von nichts ertönt Musik, nicht die geringste.

Doch liegt das erste gelbe Blatt am Grunde,
weiß man sogleich nach diesem frohen Funde:
Jetzt kommt sie wieder, die Kunst aller Künste.