Das Berichten-wir-Dilemma

von Hannah Schmidt

Zwar schreibe ich hier als Musikjournalistin, doch trotzdem auch als Journalistin, die sich im Alltag auch mit anderen Dingen als Musik beschäftigt – weil ein Musik-Termin auch sehr schnell politisch werden kann. Vergangenen Freitag bin ich bei einem Probenbesuch in eine journalistische Schleife hineingeraten, die mich seitdem nicht mehr los lässt: Ich wollte zu einer Generalprobe in einer von Dortmunds Innenstadtkirchen, weil ich es zum Konzert am nächsten Tag nicht hätte schaffen können.

Kurz vor Beginn sagte man mir am Telefon, etwas sei komisch, alles voller Polizei, und ich solle durch den Sakristei-Eingang in die Kirche kommen. Drinnen angekommen saßen Chor und Orchester auf ihren Plätzen oder im Kirchraum verteilt, untätig, im hinteren Teil der Kirche Polizisten. Leute hätten sich auf dem Kirchturm verbarrikadiert und würden von oben rechte Parolen in die Fußgängerzone rufen, hieß es. Die Pfarrerin der Kirche hatte schon reagiert und die Glocken in Dauerbetrieb geschaltet – draußen hörte man nichts mehr. Proben im Inneren der Kirche war aber auch nicht möglich.

Reaktion eins, Reaktion zwei

Meine erste Reaktion: Ich rief in der Redaktion an. Ausnahmsweise war dort niemand mehr. Zweite Reaktion: Ich holte etwas zum Schreiben heraus und ging zu den Polizisten. Wenig später traf der für den Presse-Kontakt vor Ort zuständige Beamte ein, wir gingen nach draußen, er berichtete Geschehnisse und Details. Einer unserer Fotografen war auch schon da, lief herum und machte Fotos. Riesen Aufmerksamkeit. Als ich in die Kirche zurück wollte, ließ man mich nicht.

In mir fand ein kleiner Kampf statt: Fährst du in die Redaktion und schreibst es auf, bescherst dieser Propaganda-Aktion noch mehr Öffentlichkeit, als sie ohnehin schon hat – oder lässt du es bleiben und verschweigst damit etwas, was mehrere Tausend Leute kopfschüttelnd ohnehin beobachtet haben? Trotz aller Bedenken, die erste Stimme war stärker. Ich fuhr noch einmal zurück und schrieb auf, was der Presse-Zuständige mir vor Ort erzählt hatte. Neutral und knapp. Ich ordnete es weiter unten auf der Startseite an, teilte es nicht in sozialen Netzwerken. Im Laufe der Nacht sollte es immer weiter nach unten rutschen. Ein Kompromiss.

Pustekuchen.

Natürlich blieb es nicht dabei, Kollegen, Zeugen und auch die Rechten selbst suchten und fanden den Bericht und teilten ihn eigenständig. Andere Medien berichteten gleichfalls, boulevardesker, prominenter. Die Propagandisten frohlockten über das Medienecho, das sich bis zum nächsten Morgen und auch noch am nächsten und übernächsten Tag hielt und sich sogar überregional und international ausweitete. Ich wäre am liebsten im Boden versunken.

Zwar riefen und rufen die Berichte bei den Lesern zu fast 100 Prozent Empörung hervor, sie verurteilen die Aktion scharf. Andererseits weiß trotzdem fast jeder im Land, was am Freitagabend auf Dortmunds Kirchturm passiert ist. Was wäre schlimmer gewesen? Diese Situation, wie sie jetzt ist, zu der ich beigetragen habe – oder eine andere, das Nicht-Berichten oder nur kurz anreißen und sonst nichts weiter? Mittlerweile glaube ich, dass nicht so maßgeblich ist, wie ein einzelner Verlag handelt oder Stellung bezieht. Selbst der spätere Entschluss, den Text weiter auf eine dreisätzige Meldung zu verkürzen und mit einer Klausel („Wir berichten nicht ausführlicher Punkt“) zu versehen, hat das Lauffeuer nicht stoppen können. Was es gebracht hat: Die Redaktion hat sich positioniert, sie hat den Propagandisten den Kampf erklärt: „Egal, was ihr tut, wir bieten euch diese Öffentlichkeit nicht.“

Journalismus persönlich beleidigt?

Was da stattfindet, ist ein Kleinkrieg. Die Reaktion finde ich einerseits gut, andererseits hat sie auch etwas persönlich Beleidigtes. Was man aus dieser Meldung herauslesen kann ist: Gruppe X macht etwas, und das verurteilen wir. Im Fokus steht nicht mehr die journalistische Berichterstattung, sondern die politische Haltung der Redaktion. Aber soll das? Ist das sinnvoll? Was passiert, wenn Journalismus bei komplizierten Sachverhalten in erster Linie auf der Meta-Ebene seine Meinung darstellt, anstatt nach nachrichtlichen Kriterien – informativ – darüber berichtet?

Vielleicht wäre die kurze dreisätzige Meldung ohne den moralischen Nachklapp sogar noch besser gewesen. Nicht begründen, warum das keine ausführliche Geschichte wert ist, sondern die Sache einfach so behandeln. Vorleben statt erklären.

Ein Alternativvorschlag

Toll gefunden hätte ich im Nachhinein, glaube ich, diese Nachricht:

„Die Glocken der Innenstadtkirche haben am Freitagabend zwei Stunden ohne Pause geläutet. Der Grund dafür waren Rechtsextremisten, die sich im Turm verbarrikadiert hatten und von oben Parolen brüllten. Durch das Geläut waren sie unten nicht mehr zu hören. In einer gemeinsamen Aktion konnten Polizei und Feuerwehr die acht Männer und Frauen nach einer Stunde wieder aus der Kirche führen.“

Habt ihr eine Lösung?

Ich mach doch nur mein‘ Job!

von Thilo Braun

Tagebucheintrag eines Musikjournalisten

Wie ein Teleshopping-Moderator auf Koks sprang der Pressesprecher hinter seinem lächerlichen Tresen hervor, Eintrittskarten und Programmheft wedelnd, mit der einstudierten Lächelfassade. Schon seit Tagen penetrierte mich die Oper mit billigen Werbemails (ich sag nur „Feuerwerk der Gefühle“). Dennoch hatte ich mich durchgerungen, dem Haus nach einer Reihe mittelmäßiger Premieren eine letzte Chance zu geben. Kaum hatte ich das Foyer betreten, bereute ich die Entscheidung bereits. „Oh das freeeut uns aber sehr, dass Sie uns beehren!“ Diese Schlange. Als ob ich nicht wüsste, wie verhasst ich ihm bin, ja wie empfindlich Monsieur Pressesprecher auf die Spielplan-Kritik meines letzten Artikels reagiert hat. Irgendwie gelang es mir, eine bissige Bemerkung herunterzuschlucken, ich wollte einfach nur möglichst schnell die Karten entgegennehmen und ab in den Saal. Denkste. Dieser Hornochse besaß doch tatsächlich die Frechheit, mir während der Übergabe noch den Flyer für die Operetten-Gala unterzujubeln: „Da müssen Sie unbedingt auch kommen, das wird SEN-SA-TIO-NELL!“ Da hab‘ ich endgültig die Beherrschung verloren und ihm ordentlich die Meinung gegeigt… Wirklich, ich hasse Pressesprecher. Immer dieses anbiedernde Gesäusel, das geheuchelte Interesse – einfach alles an diesem Beruf ist falsch!

Tagebucheintrag eines Pressesprechers

Obwohl ich auf keine meiner Mails auch nur die geringste Reaktion erhalten habe, war ich so weitsichtig, zwei Pressekarten zurückzulegen. Dabei war die Berichterstattung in dieser Spielzeit alles andere als zuverlässig! Kaum sah ich den hochnäsigen Griesgram zur Tür hereinstolzieren, bereute ich die Entscheidung schon wieder. Trotzdem versuchte ich es mit einer einladenden Geste. Ich kramte Karten und Programmheft raus und begrüßte ihn in aller Höflichkeit. Der Dank dafür? Ein abschätziger Blick von Kopf bis Fuß und ein zynisches Lächeln. Wie kann man nur so boshaft und undankbar sein! Nicht einmal den Künstlern zollt dieser Kerl Respekt, die sarkastischen Zwischentöne in der letzten Kritik waren ja kaum zu überlesen. Dass unser Haus auf Berichterstattung angewiesen ist, selbst wenn sie schlecht ausfällt, macht mich manchmal ganz rasend. Dieser Gockel hat doch keinerlei Vorstellungen davon, wieviel Herzblut und Arbeitseinsatz in einer Produktion steckt, die er mit einem einzigen Satz vernichtet! Irgendwie gelang es mir, die Wut herunterzuschlucken – schließlich ging es um die Zukunft des Hauses. Einfach schnell den Job hinter mich bringen. Ich legte noch eine Informationsbroschüre dazu und wollte dem Herrn Kritiker gerade eine gute Vorstellung wünschen – doch dazu kam es nicht mehr. Wie ein Irrsinniger schnauzte er mich an, was mir einfiele seine wertvolle Zeit zu stehlen, ich sei eine penetrante Nervensäge, eine bemitleidenswerte Person und weiß Gott noch was. Mir war das vor den Gästen unendlich peinlich. Wirklich, ich hasse Musikkritiker. Immer dieses Gehabe, als seien sie der Nabel der Welt, die Weisheit in Person, ja die Musikgötter selbst – einfach alles an diesem Beruf ist Selbstbeweihräucherung!