Schubertgruselhorror

von Hannah Schmidt

Schritte im Schnee.
Schritt Schritt Schritt Schritt. Pause.
Schritt Schritt. Pause.
Schritt Schritt Schritt. Pause.

Seltsam hohles Saitenklappern mischt sich rhythmisch unter die verstohlene Bewegung. Eine chromatische Bewegung schleicht irgendwo durch die tieferen Register der hohen Streicher, bevor sich die charakteristische fallende Melodielinie aus dem Vorspiel von Franz Schuberts Lied „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“ über die unheimlichen Geräusche mischt. Bevor der einsame, vertriebene Wanderer seufzend zu Singen beginnt, sein „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, gibt es in Hans Zenders „komponierter Interpretation“ noch so einige bizarre, schauderhafte Geräuschmomente, von Hundeknurren hin zu Knochenklappern …

Diese Art der „komponierten Interpretation“ ist eindrücklich. Sie lässt zwar manchmal keine große eigene Deutungsmöglichkeit mehr, weil sie doch sehr deutlich ist. Aber in einem Fall wie bei Schuberts „Winterreise“ ist diese inhaltliche Richtung, so düster sie auch sein mag, sehr erhellend. Vor ein paar Tagen habe ich Teile von Zenders interpretierender Orchestration gehört und habe mich unwahrscheinlich gegruselt.

Zwar geht es schon ein bisschen aus dem Text hervor, doch macht Zender es vor allem in dem oben angeführten Beispiel von „Gute Nacht“ bildlich: Der Wanderer, der Vertriebene, schleicht nachts im Schnee um das Haus seiner ehemals Geliebten. Das ist unheimlich. Er rekapituliert im Selbstgespräch ihre Geschichte, seine Hoffnungen, das plötzliche und für ihn unverständliche Ende ihrer Liebe. „Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht“ singt er zunächst wie aus Schuberts Vertonung bekannt auf die sich wiederholende Melodie, und schreit es im nächsten Moment grotesk verzerrt, begleitet von beißenden, hässlichen Klangfarben in die kalte Nacht (Brecht lässt grüßen). Spätestens hier ist jede übrig gebliebene Romantik des 19. Jahrhunderts verschwunden, spätestens hier bekommt man als Hörer eine eiskalte Gänsehaut.

Hören mit doppelten Ohren

Gerade zur Zeit, wo ich mich an der Uni intensiv mit der Schubert’schen Vertonung des Gedichtzyklus von Wilhelm Müller beschäftige, höre ich Hans Zenders „komponierte Interpretation“ mit sozusagen doppelten Ohren: Bei genauerem Hinhören und Analysieren stellt sich nämlich heraus, dass schon Schubert den Wanderer im Zyklus als, sagen wir, ein bisschen irre, als klinisch depressiv und mindestens mit dem Hang zu Lust am Leid nachzeichnet. Ja, der Text steckt schon voller Todessehnsucht, Schuberts Vertonung zusätzlich voll Depression und Getriebenheit – und Zenders Interpretation gibt dem ganzen noch einmal ein neues Gesicht: das der Unberechenbarkeit eines psychisch labilen und zutiefst verletzten Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat.

Für mich bedeutete das beim ersten abendlichen Hören bei Stücken wie „Gute Nacht“ und dem „Leiermann“: Grusel pur. Schubertgruselhorror. Kein Müller’sches Abstraktum des Todes in Form eines „Leiermanns“, kein durch die Vertonung quasi sichtbarer alter Mann mit einer kaputten Leier, sondern ein halb verfaulter Zombie, der zuckend und mit verzerrtem Grinsen in einem schief hängenden Gesicht am Wegesrand auf den Wanderer wartet.

Wer die „Winterreise“ kennt, sollte unten auf jeden Fall „Play“ drücken. Wer sie nicht kennt, höre sie sich am besten erst einmal an, und danach Zenders Werk. Ich verspreche: Ihr werdet dieses musikalische Erlebnis nicht vergessen.

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