#elphiselfie

von Hannah Schmidt

Kaum ist der Saal eröffnet, ist jedes Konzert in der Elbphilharmonie für die nächsten zwei Jahre ausverkauft. Dem Öffentlichkeitszuständigen muss sehr langweilig sein. Bei der Anfrage nach Pressekarten für Mahlers Zweite Sinfonie im Februar 2017 hieß es, das Kontingent für die Aufführungen sei komplett erschöpft, es gäbe maximal Karten für die Generalprobe. Als die Probe dann, weil es für das Orchester so gut lief, kurzfristig abgesagt wurde, bekamen  wir aber doch noch Karten für ein Konzert – am Sonntagmorgen um 11 Uhr. Was für ein Privileg! Wir haben direkt die Kamera eingesteckt, sind nach Hamburg gefahren und haben vor dem Konzert eine Menge Elphiselfies gemacht – wer weiß, wann man noch einmal dorthin kommt.

Wie ein Kreuzfahrtschiff

Von weitem sticht die Philharmonie über die meisten Gebäude der Stadt heraus: Sie überragt wie ein gigantisches Kreuzfahrtschiff das meiste, was in Hamburg noch so in der Gegend herumsteht. Dabei wirkt sie vom Land aus betrachtet erstaunlich eingequetscht zwischen den Speicherstadtgebäuden, den Bürohochhäusern und Schiffsmasten. Geht man zu Fuß, scheint sie hinter jeder Ecke größer geworden zu sein – aber näher gekommen ist sie immer noch nicht.

#elphiselfie No. 1

Es stürmt und regnet, und Massen von Menschen laufen über die letzten zwei Brücken, über die sie dem architektonischen Monstrum näher kommen. Unten vor dem Eingang: Rentnerapokalypse. Es ist offenbar echt schwierig, die gekaufte Karte über das Lesegerät zu halten und dann durch das Drehkreuz zu gehen. Alle sind hektisch. Es ist voll. In der Luft liegt eine kreative, eine neugierige Anspannung. Und Meeresgeruch.

Interessant und gemütlich

Wohnzimmerkuschelstunde.
Wohnzimmerkuschelstunde.

So seltsam klein Hamburg wirkt in Anbetracht dieses riesigen Gebäudes, so eng und eingemuckelt die Philharmonie am Wasser steht, so interessant gemütlich und, ja, irgendwie wohnzimmerhaft ist es auch im Konzertsaal. Hamburg ist Elbphilharmonies Wohnzimmer, und die Elbphilharmonie ist das Wohnzimmer der Gäste. Es gibt sogar Kuschelsitze! Wie im Kino.

Schaut man sich um, wirkt es nicht, als wären 2000 Leute im Saal. Das Parkett ist klein gehalten, es sitzen immer ein paar Hundert Besucher in ihren „Waben“, die im Kreis um die Bühne herum aufgebaut sind. Es ist warm, das Licht dunkelgelb.

So nah wie nie zuvor

Elphiselfi No. 2
#elphiselfi No. 2

Als es losgeht, habe ich Kribbeln im Bauch. Wir sitzen recht weit vorne, etwas höher als das Parkett. Ich habe das Gefühl, so nah an den Musikern dran zu sein wie noch nie zuvor. Ich höre auch alles, sogar das Knicken der Seiten, wenn die zweite Cellistin leise umblättert, und als der Tubist vorsichtig seinen Dämpfer ablegt, fühle ich das sogar in den Füßen. Alles in diesem Saal vibriert. Der Klang ist durchsichtig, ich höre auch an lauteren Stellen die Harfe noch, die Pianissimo-Momente sind präsent und satt. Ich höre aber auch jeden Kratzer und jede Unsauberkeit. Aber das ist ja auch in Kammermusiksälen so. Wer akustisch und räumlich nah dran ist, bekommt eben viel mit.

Husterei wird nicht verstärkt

Was angenehm ist: Das Publikum hustet nicht in die leisen Stellen, aber wenn jemand im Publikum hustet, hallt das Geräusch nicht durch die Konzertakustik und die Raumarchitektur maximal verstärkt durch den ganzen Saal. Jedes Husten und jeder auch ausladende Nieser bleibt in der Wabe, aus der er kommt. Es stört nicht. Wie schön.

Aufwendig versteckt.
Aufwendig versteckt.

Als die Orgel einsetzt, drehen sich die Gäste, die zuvor noch nichtsahnend vor dem hinter silbernen Röhren versteckten Instrument saßen, verwundert um, tuscheln miteinander. Die Orgel klingt toll. Ist ja auch ein schönes Instrument. Aber sie klingt wie in Watte gepackt, nah, aber nicht zu gefährlich. Voluminös, aber nicht so, dass sie alles überdeckt. Nimmt der Organist die Finger von der Taste, ist im selben Augenblick der Klang weg. Das ist wie Luftanhalten und fühlt sich nicht so schön an.

Ziemlich unmittelbar

Bei dem Konzert war ich der Musik so nah, dass sie mich ziemlich unmittelbar angreifen konnte. Für mich, die ich sowas noch nicht erlebt hatte, keine leichte Situation. Nach der Sinfonie fühlte ich mich, als wäre ich gerade erst aufgewacht und hätte im Schlaf schlimm geweint.

Elphiselfie No. 3
#elphiselfie No. 3

Da ist es ziemlich Zurückinsjetzt, wenn man direkt ein paar Treppenstufen tiefer auf einen Balkon gehen kann, wo einem der Februar kalte Wintermeeresluft in die Haare pustet. Von da oben hat man auch nicht mehr das Gefühl, im Wohnzimmer Hamburg eingequetscht zu sein. Man thront darüber.

Wie naiv seid Ihr denn bitte?

von Thilo Braun

Es gibt eine Frage, die ich in Interviews immer wieder gerne stelle: „Klassik. Was ist das eigentlich?“ Und interessanterweise sind es ausgerechnet die Insider der Szene, die sich davon oft überrumpelt fühlen. Klassik? Naja, das ist ja ganz Vieles, allein die Geschichte, na und die Kunst der Komponisten, die Vielfalt an Genres und weiß Gott noch alles! Diesen Kosmos spontan zusammenfassen? Unmöglich.

Neueinsteiger, die erst beginnen, sich ins Repertoire einzuhören, tun sich da leichter. Oft erzählen sie einfach, was sie momentan begeistert, dass „Mozart so wahnsinnig viel geschrieben hat!“ oder „dass es da so spannende Geschichten hinter den Werken gibt“. Die Antworten selbst sind natürlich oft einfacher. Wer noch nicht viel gehört hat, muss keinen jahrelang gewachsenen Erfahrungsschatz managen, die Eindrücke sind frisch, aber weniger komplex.

Aber wieso eigentlich ist es mir und vielen Insidern der Szene so wichtig, dass Klassik in ihrer „Komplexität“ wahrgenommen wird? Vielleicht, weil man irgendwann meint zu wissen, was schon Cicero wusste, nämlich dass wir allgemein gesehen doch immer Unwissende bleiben? Angesichts der unendlichen Fülle der Musik wird jeder Versuch, sie in ihrer Gänze zu begreifen, zu einer Lächerlichkeit. „Klassik ist…“ – egal was nach diesem Satz kommt, es wird eine Vereinfachung darstellen. Was tun wir stattdessen? Eifrig studieren wir die Werke, brüten über musikwissenschaftlichen Quellen, versenken uns in Philosophien, Schriften, Theorien. Möglicherweise gelingt es uns ja so, dem Kern der Musik zumindest ein klitzekleines Stückchen näher zu kommen, hoffen wir.

Aber manchmal habe ich auch Angst. Davor, dass wir in solchem gut gemeinten Streben das Gleichgewicht verlieren. Dass wir die Wunder der Musik sezieren, noch bevor wir sie überhaupt zur Kenntnis genommen haben. Was, wenn wir unsere Neugierde verlieren? Die Entdeckerfreude? Wenn wir nicht mehr im Klang schwelgen, uns fesseln, verführen und verstören lassen?

In Fachkreisen wird überhaupt wenig von emotionalen Aspekten gesprochen. Sie scheinen, da subjektiv, irrelevant zu sein. Dabei sind es ja gerade diese Erlebnisse, die uns zur tieferen Beschäftigung mit dem Gegenstand „klassische Musik“ getrieben haben. Vielleicht müssen wir ab und zu mal den Kopf ausschalten. Und einfach nur zuhören. Diese Naivität wird der Musik nicht schaden, uns aber könnte sie guttun.

Foto: Playground by Seabamirum (CC)

„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 3

Das Finale steht vor der Tür und ich hab immer noch nichts über Wettbewerber geschrieben. Aber hättet ihr meine Einschätzung von allen 26 Duos, ergo 52 Musikern lesen wollen? Ich auch nicht. Gestern hat also das große Aussieben eingesetzt, dem leider auch Harriet Burns und Ian Tindale – die größten Sympathieträger aller Teilnehmenden – zum Opfer gefallen sind. Schade, aber insofern verständlich, als dass Harriet gestern irgendwie ziemlich eng in den Höhen klang. Das war am Mittwoch noch nicht so. Weshalb die beiden für mich so wichtig waren, hat folgenden Grund: Ihre Interpretationen erschienen wundervoll nahbar. Zum einen liegt das an dem fantastischen Zusammenspiel, zum anderen an der Sensibilität der Performance.

Burns und Tindale, die sich in London eine WG teilen, liegt das Lied als Kunstform besonders am Herzen . „Manche Leute halten es für altmodisch, aber ich denke: Das ist es auf keinen Fall.“, erklärt Ian und rückt seine Brille vor den freundlich verschmitzten Augen zurecht. „Ob ich noch Solo-Programm mache? Oh nein, ich arbeite mehr als Korrepetitor!“ Er und Harriet gehören zu der Sorte Künstler, die ihre eigene Persönlichkeit mit auf die Bühne nehmen: sorgfältige Ausarbeitung von Phrasen, sehr viel Sensibilität für die Reaktionen des jeweils anderen und eine .. nunja, irgendwie typisch englische Respekthaltung vor der Sache selbst. Ians Art, leise zu spielen hat etwas sehr fürsorgliches – der Sängerin und den Stücken gegenüber. Naja, die Jury hat entschieden…

…und der Rest meiner Favoriten ist ja noch drin! Allesamt Baritone. Tatsächlich haben sich die männlichen Sänger prozentual besser durchsetzen können. Und ja, das ist auch begründet. Der übellaunigen Gesangsprofessor, der gestern neben mir saß, bestätigte mein Gefühl, dass es zum einen an interessanten Frauenstimmen gemangelt habe und zum anderen die Stücke schlecht ausgewählt wurden. Die jungen Damen hätten sich einfach charakterstärkere Stücke mit szenischerem Inhalt aussuchen und vortragen müssen. Dann hätten sie dem ein oder anderen Konkurrenten noch ein Schnippchen geschlagen.

Eine schöne, mehr oder weniger unerwartete Wahl fürs Finale ist die Mezzosopranistin Clara Osowski mit ihrem Begleiter Tyler Wottich. Die beiden sind irgendwie anders. Die fast Chanson-artige Erdigkeit in Osowskis Stimme gepaart mit der langsamen Kraft eines Golems, mit der Wottich seine schweren Finger in die Tastatur gräbt, haben irgendwie was für sich. Ihr Auftritt ist wie ein Naturschauspiel – von großer Selbstverständlichkeit geprägt, unbeirrbar und völlig authentisch. Die beiden dürfen jetzt beim Finale auch noch Frontschweine spielen. Ich drücke allen Beteiligten die Daumen und rate euch da draußen dringend, dieses Konzert nicht zu verpassen: http://www.das-lied.com/livestream

 

Konrad Bott

„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 2

Jetzt sind die ersten Runden rum. 26 Duos haben Schumann-, Schubert- und Rihm-Interpretationen zum Besten gegeben, und ich bin wirklich sehr gespannt, ob ich morgen meine Favoriten nochmal erleben darf. Ich finde nämlich, dass ausnahmslos alle gut waren, nur einige eben noch besser. Das klingt fürchterlich pädagogisch, ist aber einfach so. Naja gut – in meinen Augen. Als ich nämlich gestern mit Juror Richard Stokes nach unserem Interview etwas verspätet wieder durch die schmalen Saaltüren geschlüpft war, musste ich neben einem alten Herrn Platz nehmen, der da ganz anderer Meinung war. Das musste er, dessen Name ich nicht kenne und auch nicht kennen mag, leider auch mitteilen und zwar immer, wenn gerade mal nicht gesungen wurde.

Ich habe nichts gegen mitteilungsbedürftige Menschen, aber der gute Mann hatte wohl einen Almanach der political incorrectness verschluckt. Die oberflächlichen, frauenfeindlichen Bemerkungen konnte ich noch ganz gut als Altherrenwitze abtun, aber als dann in Bezug auf den Belsazar-Text Heines auch noch Antisemitismus ins Spiel kam, hab ich ihm den Todesblick gegeben. War ganz passend … Mene mene tekel u-parsim … Aber bevor hier der Eindruck entsteht, ich könne alte Männer nicht leiden: Das Gespräch mit Richard Stokes war eine der schönsten Begegnungen mit unbekannten Menschen, die ich je gehabt habe. Als Sänger, Übersetzer verschiedenster Liedtexte und Professor an der Royal Academy of Music ist Stokes eines der ältesten Mitglieder der Jury. Könnte ich mir einen Opa adoptieren, um den Verstorbenen zu ersetzen, wäre er sofort genommen.

„Weißt du, manchmal ist ein komponierter Takt Pause das Wichtigste an einem ganzen Lied. Mit dieser Spannung umzugehen ist nicht einfach: Machst du sie zu kurz, kann sie sich nicht entfalten, machst du sie zu lang, ist es unglaubwürdige Selbstdarstellung“, erklärt der Juror und wechselt dabei ständig vom Englischen ins Deutsche. Ich hatte so viele Fragen auf meinem Zettel, aber wenn Stokes einmal ins Erzählen kommt, will man ihn einfach nicht mehr unterbrechen. „Das wäre eine sehr gute Sache“, antwortet er auf meine Frage, ob es für die Sänger nicht sinnvoll wäre, ein detailliertes Feedback von der Jury zu bekommen. „Und solche Wettbewerbe sind generell super, es sind ja auch viele Agenten hier, die ihre Ohren offen halten. Aber du solltest nicht bei einem Wettbewerb mitmachen, wenn du große Probleme damit hast zu verlieren. Es ist so vieles Geschmackssache hier. Viele Sänger, die bei sowas immer verloren haben, legten glänzende Karrieren hin und leider auch umgekehrt.“

Ein paar weitere Gedanken von Richard Stokes könnt ihr dann in meinem abschließenden Artikel lesen. Heute Nachmittag spreche ich endlich mal mit den jungen Menschen auf der Bühne über all das hier. Jetzt geht`s auch gleich weiter hier im Saal. Ihr wollt kontrollieren, ob sich meine Meinung über die Wettbewerber von der der Jury unterscheidet? Hier sind meine Favoriten:

Modestas Sedlevičius (Bariton) – Anna Anstett

André Baleiro (Bariton) – David Santos

Harriet Burns (Sopran) – Ian Tindale

Samuel Hasselhorn (Bariton) – Renate Rohlfing

Gina May Walter (Sopran) – Bangin Jung

… und hier seht ihr, wer tatsächlich weiter gekommen ist: http://www.das-lied.com/livestream/

 

Konrad Bott

„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 1

„In der Oper kann dir viel vom Regisseur abgenommen werden – beim Lied übernimmt man die volle Verantwortung.“ Charlotte Lehmann stützt sich auf die Armlehnen des tiefen schwarzen Sessels im Theaterfoyer, um nicht völlig von dem Ungetüm verschluckt zu werden. Trotzdem flößt mir die kleine, einnehmend sympathische alte Dame gehörigen Respekt ein. Kein Wunder – rund um die Erde profitieren Sänger seit Jahrzehnten von ihren Meisterkursen. Als eine der wichtigsten Sängerinnen der Nachkriegszeit ist sie ein altes Juroren-Häschen und bewertet jetzt beim Wettbewerb „Das Lied“ die jungen Musiker. Der wird das erste mal in Heidelberg statt Berlin ausgetragen. Vier Tage, in denen sich Sänger und Pianisten um eine kompositorische Randgruppe – oder Königsdisziplin? – kümmern: das Kunstlied.

„Eines unserer konzentriertesten, subtilsten und gleichzeitig komplexesten Ausdrucksmittel“, sagt Charlotte Lehmann, und ich kann ihr da nur zustimmen. Keine musikalische Gattung ist so intim wie das Lied. Das liegt natürlich einmal daran, dass man singt, ganz klar. Das Musikinstrument bist du selbst, also lass die Hosen runter! Aber es gibt viele andere Aspekte, die Liedgestaltung für Sänger und Pianisten gleichermaßen spannend und wertvoll machen. Zum Beispiel, binnen Sekundenbruchteilen durch die Erzählperspektiven zu hüpfen, Rollen zu wechseln und dabei auch noch zu meinen, was man singt. Letzteres klingt banal, kann aber der Glaubwürdigkeit einer Interpretation sofort den Todesstoß versetzen.

Deshalb hält die Grande Dame der Juroren auch beim 14. Duo am ersten Tag die Augen wachsam offen. „Einem guten Sänger will man doch auch zusehen. Weil er den Ausdruck zu jeder Sekunde im Körper trägt. Sänger, die nicht frei sind mit ihren Gesichtszügen, die sind auch meist nicht frei im Ton.“ Ist es auch für Opernsänger wichtig, sich mal mit Liedgestaltung zu beschäftigen? „Oh ja, oh ja!“ Lehmanns Augen glänzen, und sie hüpft ein bisschen aus dem Sessel. „Die feinsten Schattierungen in der Stimme lassen sich nirgendwo besser trainieren. Außerdem muss man genau so intelligent wie musikalisch sein, um die Texte zu durchdringen.“ Um sich eine Rolle im Musiktheater anzueignen, ist das natürlich Gold wert.

Meine Kollegin Hannah hatte mit ihrem Bericht zum ARD-Wettbewerb so schön das Thema „Bewertung“ beleuchtet, dass ich mich entschlossen habe, darüber zu schweigen. Frau Lehmann sieht das ohnehin unproblematisch: „Hier sind das solche Bögen mit einzelnen Kriterien, die man dann bewerten kann. Diskutiert ist bis jetzt noch nicht worden, das wäre uferlos.“ Das stimmt. Wer sich die Duos anhört, kommt sich vor wie in einem akustischen Einkaufsparadies: alles so schön bunt hier! Nur ganz selten ist mal eine angestoßene Banane dabei, die man behutsam wieder zurück legt – mit der Delle nach hinten. „Die Leute, die hier ankommen, brauchen sich nicht sagen zu lassen, dass sie bestimmte Sachen anders machen sollten. Die sollen sich jetzt entfalten, und wir sehen, wer damit überzeugt!“ Vielleicht wäre ein Feedback ab und an aber doch ganz nett. Da frag ich morgen mal nach …

Für alle, die mal reinschauen möchten – gleich geht`s weiter: http://www.das-lied.com/livestream/

Almost Famous – oder auch nicht

Ich stehe nicht auf der Liste. Mal wieder. Sowas passiert nicht immer, aber oft genug, um damit ab und an rechnen zu müssen. In solchen Situationen denke ich an den Film „Almost Famous“, der auch vor verschlossenen Türen beginnt. Der junge Musikjournalist William Miller kommt nicht ins Konzert, obwohl er für ein lokales Fanzine ein Interview mit Black Sabbath führen soll. Aber hier geht es nicht um Black Sabbath. Es geht um eine Johannespassion mit dem Kirchenchor oder einen Jazz-Star mittlerer Bekanntheit oder einen ausverkauften Abend im örtlichen Konzerthaus. Je unbekannter der Arbeitgeber, desto wahrscheinlicher, dass der/die freundliche Kassenbedienstete keine Ahnung hat, woher man kommt, was man will und ob man es darf. Und dann beginnt der Horror.
(Spoiler: Wie William Miller schaffe auch ich es letztendlich immer rein, egal ob zu Recht oder nicht, ergo ob sich der Veranstalter oder die Redaktion geirrt hat. Einmal stand die „eigentliche“ Kritikerin vor mir und sagte mit drohender Stimme „das ist mein Platz…“. Sehr unangenehm sowas, und es war wirklich nicht meine Schuld, ehrlich!)

Für diejenigen, die keine Karten haben und auch keine kaufen wollen, gibt es an der Kasse auch keinen Platz. Im besten Fall gibt es eine Ecke, in die man sich als Kind schon stellen musste, um sich zu schämen. Das Tolle an der Ecke ist auch, dass man dort von ausnahmslos allen dabei gesehen wird. Die Ecke ist der grausige Ort des Wartens, des Wartens auf die Aufklärung, auf wichtige Telefonate, die getätigt werden könnten, wenn denn all die anderen Besucher mit Karten versorgt sind, der Rest geklärt ist und Brigitte kommt, wir warten auf Brigitte. Oder Markus, sie sind vom Management, die können das entscheiden. Warten in der festen Hoffnung, dass ich am Ende doch reinkomme, aber mit genug Ungewissheit, die mir alle paar Sekunden den Magen umdreht. Durchsetzt von Momenten des existentiell bedrohenden Selbstzweifels, der eitlen Selbstbeschwichtigung sowieso zu gut für das alles zu sein und der rastlosen Aggressivität, die kein Ventil finden darf. AAAAH!

Da landet auf mir der hoffnungsvolle Blick eines dieser Menschen, die noch eine Karte loswerden wollen. Auch er wurde von dem/der freundlichen Kassenbediensteten zuvor mit einem äußert netten und bestimmten Blick in die andere Ecke verwiesen, um nach Abnehmern Ausschau zu halten. Ach sie ist krank geworden? Wie schade. Super Plätze! Danke, aber nein danke, ich habe selbst Karten, eigentlich. Aber warum soll ich bezahlen, wenn ich zur Arbeit gehe. Vierzig Minuten stehe ich hier vor der Toilettentür rum, das macht Laune für eine richtig gute Rezension. Was soll ich denn jetzt schreiben? Da möchte ich am liebsten meinen Stolz wieder zusammenkratzen und gehen. Demonstrativ. So. Ich gehe jetzt. Ja. Sofort. Jetzt gleich. Ich warte noch drei Minuten und dann gehe ich. Noch fünf. Na gut sieben. Ah, die sieht wichtig aus, das wird bestimmt, ach doch nicht. Ok, jetzt noch zwei. Noch eine. Jetzt gehe ich aber. Ach Moment, da kommt jemand. „Hier, die da hinten ist von keine-Ahnung-was und sollte wohl auf der Liste stehen.“. Zum Teufel mit eurem Laden! Ich bin – oh, das ging ja schnell, äh… danke…. ja… ok… ich sage Bescheid….. Dann… beim nächsten Mal….