„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 1

„In der Oper kann dir viel vom Regisseur abgenommen werden – beim Lied übernimmt man die volle Verantwortung.“ Charlotte Lehmann stützt sich auf die Armlehnen des tiefen schwarzen Sessels im Theaterfoyer, um nicht völlig von dem Ungetüm verschluckt zu werden. Trotzdem flößt mir die kleine, einnehmend sympathische alte Dame gehörigen Respekt ein. Kein Wunder – rund um die Erde profitieren Sänger seit Jahrzehnten von ihren Meisterkursen. Als eine der wichtigsten Sängerinnen der Nachkriegszeit ist sie ein altes Juroren-Häschen und bewertet jetzt beim Wettbewerb „Das Lied“ die jungen Musiker. Der wird das erste mal in Heidelberg statt Berlin ausgetragen. Vier Tage, in denen sich Sänger und Pianisten um eine kompositorische Randgruppe – oder Königsdisziplin? – kümmern: das Kunstlied.

„Eines unserer konzentriertesten, subtilsten und gleichzeitig komplexesten Ausdrucksmittel“, sagt Charlotte Lehmann, und ich kann ihr da nur zustimmen. Keine musikalische Gattung ist so intim wie das Lied. Das liegt natürlich einmal daran, dass man singt, ganz klar. Das Musikinstrument bist du selbst, also lass die Hosen runter! Aber es gibt viele andere Aspekte, die Liedgestaltung für Sänger und Pianisten gleichermaßen spannend und wertvoll machen. Zum Beispiel, binnen Sekundenbruchteilen durch die Erzählperspektiven zu hüpfen, Rollen zu wechseln und dabei auch noch zu meinen, was man singt. Letzteres klingt banal, kann aber der Glaubwürdigkeit einer Interpretation sofort den Todesstoß versetzen.

Deshalb hält die Grande Dame der Juroren auch beim 14. Duo am ersten Tag die Augen wachsam offen. „Einem guten Sänger will man doch auch zusehen. Weil er den Ausdruck zu jeder Sekunde im Körper trägt. Sänger, die nicht frei sind mit ihren Gesichtszügen, die sind auch meist nicht frei im Ton.“ Ist es auch für Opernsänger wichtig, sich mal mit Liedgestaltung zu beschäftigen? „Oh ja, oh ja!“ Lehmanns Augen glänzen, und sie hüpft ein bisschen aus dem Sessel. „Die feinsten Schattierungen in der Stimme lassen sich nirgendwo besser trainieren. Außerdem muss man genau so intelligent wie musikalisch sein, um die Texte zu durchdringen.“ Um sich eine Rolle im Musiktheater anzueignen, ist das natürlich Gold wert.

Meine Kollegin Hannah hatte mit ihrem Bericht zum ARD-Wettbewerb so schön das Thema „Bewertung“ beleuchtet, dass ich mich entschlossen habe, darüber zu schweigen. Frau Lehmann sieht das ohnehin unproblematisch: „Hier sind das solche Bögen mit einzelnen Kriterien, die man dann bewerten kann. Diskutiert ist bis jetzt noch nicht worden, das wäre uferlos.“ Das stimmt. Wer sich die Duos anhört, kommt sich vor wie in einem akustischen Einkaufsparadies: alles so schön bunt hier! Nur ganz selten ist mal eine angestoßene Banane dabei, die man behutsam wieder zurück legt – mit der Delle nach hinten. „Die Leute, die hier ankommen, brauchen sich nicht sagen zu lassen, dass sie bestimmte Sachen anders machen sollten. Die sollen sich jetzt entfalten, und wir sehen, wer damit überzeugt!“ Vielleicht wäre ein Feedback ab und an aber doch ganz nett. Da frag ich morgen mal nach …

Für alle, die mal reinschauen möchten – gleich geht`s weiter: http://www.das-lied.com/livestream/

7 thoughts on “„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 1”

  1. ich halte diese veranstaltung, in dem der selbstdarsteller quasthoff sich erdreistet, den vorsitz in einer jury eines wettbewerbs einzunehmen, in dem vor allem seine eigenen schüler auftreten, für wertlos und entbehrlich.

    skandalös, wie quasthoff das duo nr. 4 aus der konzentration brachte, indem er es zuerst gar nicht begrüßte und dann ganz leise in dem augenblick, als die pianistin zum spiel ansetzten wollte.

    mfg
    kurt semellechner

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Semellechner,

      ich kann Ihre Wut über die schlecht positionierte Begrüßung verstehen. Allerdings möchte ich Ihnen, vielleicht um Sie etwas zu beruhigen, sagen, dass in den Runden, in denen Schüler von Jurymitgliedern singen, der/die jeweilige Juror(in) nicht abstimmen darf.

      mit freundlichen Grüßen,

      Konrad Bott

      1. sehr geehrter herr Bott,

        das allein ist es nicht.

        ich weiß, dass herr Quasthoff das österreichische duo völlig unsachlich abqualifiziert hat. das begann mit äußerungen zur kleidung, äußerungen zur pianistin („so hat man vor 30 jahren gespielt“) – die immerhin erst kürzlich beim hugo wolf-wettbewerb 2016 bzw. nicht nur mit ihrem partner Ilker Arcayürek (tenor) den 1. preis, sondern auch den sonderpreis für klavierbegleitung erhalten hat – und endet mit unqualifizierten äußerungen zu einem geplanten konzert des tenors in begleitung des namhaften pianisten András sSchiff in italien.

        herr Quasthoff hat das österreichische duo regelrecht gemobbt und der künstlerischen entwicklung dieser jungen musiker erheblichen schaden zugefügt. und das steht auch einem Quasthoff nicht zu. sein charakterloses verhalten steht jedenfalls in absolutem gegensatz zu seinen salbungsvollen worten in diversen interviews.

        es grüßt sie freundlich

        kurt semellechner

  2. noch eins, sehr geehrter herr Bott,

    sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die restlichen mitglieder der jury in den runden, bei denen herr Quasthoff nicht mitstimmen darf, ausgerechnet die schüler Quasthoffs schlecht zu bewerten wagen!?

    ein krähe hackt der anderen kein auge aus.

    mfg

    kurt semellechner

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Semellechner,

      was as Österreichische Duo angeht, haben Sie sicherlich einen besseren Einblick als ich und ich möchte Ihnen da nicht widersprechen.
      Aber, doch, ich glaube das ernsthaft, was Sie anzweifeln. Nach Gesprächen mit Herrn Stokes und Frau Lehmann behaupte ich, dass dort Leute sitzen, die genug Rückgrat besitzen, Fehler, bzw. mangelnde Qualitäten auch zu beanstanden, ganz gleich woher diese kommen.

      mit freundlichen Grüßen,

      Konrad Bott

  3. sehr geehrter herr Bott,

    ja, das glaube ich auch, aber letztlich werden die „beanstandungen“ so ausfallen, dass totzdem ein quasthoffschüler den wettbewerb gewinnt.

    das wesentliche für mich bleibt aber: Quasthoff hat durch seine unqualifizieren äußerungen den jungen künstlern erheblich geschadet, da eine öffentliche entschuldigung nicht stattfinden wird.

    den großartigen sänger Quasthoff habe ich immer bewundert, den charakter Quasthoff verachte ich.

    vielen dank für diesen gedankenaustausch mit ihnen, sehr geehrter herr Bott.

    es grüßt herzlich
    kurt semellechner

  4. sehr geehrter herr Bott,

    ich sehe Hasselhorn (unter anderem auch schüler Qasthoffs) als würdigen sieger des wettbewerbs, keine frage. gratulation.

    beim hugo wolf-wettbewerb 2016 war er dritter, sieger wie schon angeführt Ilker Arcayürek, begleitet von Fiona Pollak, der gleichen Fiona Pollak, die beim Robert Schumann-wettbewerb zwickau den preis für die beste liedbegleitung erhielt. von Qasthoff lächerlich gemacht.

    es grüßt sie herzlich
    kurt semellechner

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