„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 2

Jetzt sind die ersten Runden rum. 26 Duos haben Schumann-, Schubert- und Rihm-Interpretationen zum Besten gegeben, und ich bin wirklich sehr gespannt, ob ich morgen meine Favoriten nochmal erleben darf. Ich finde nämlich, dass ausnahmslos alle gut waren, nur einige eben noch besser. Das klingt fürchterlich pädagogisch, ist aber einfach so. Naja gut – in meinen Augen. Als ich nämlich gestern mit Juror Richard Stokes nach unserem Interview etwas verspätet wieder durch die schmalen Saaltüren geschlüpft war, musste ich neben einem alten Herrn Platz nehmen, der da ganz anderer Meinung war. Das musste er, dessen Name ich nicht kenne und auch nicht kennen mag, leider auch mitteilen und zwar immer, wenn gerade mal nicht gesungen wurde.

Ich habe nichts gegen mitteilungsbedürftige Menschen, aber der gute Mann hatte wohl einen Almanach der political incorrectness verschluckt. Die oberflächlichen, frauenfeindlichen Bemerkungen konnte ich noch ganz gut als Altherrenwitze abtun, aber als dann in Bezug auf den Belsazar-Text Heines auch noch Antisemitismus ins Spiel kam, hab ich ihm den Todesblick gegeben. War ganz passend … Mene mene tekel u-parsim … Aber bevor hier der Eindruck entsteht, ich könne alte Männer nicht leiden: Das Gespräch mit Richard Stokes war eine der schönsten Begegnungen mit unbekannten Menschen, die ich je gehabt habe. Als Sänger, Übersetzer verschiedenster Liedtexte und Professor an der Royal Academy of Music ist Stokes eines der ältesten Mitglieder der Jury. Könnte ich mir einen Opa adoptieren, um den Verstorbenen zu ersetzen, wäre er sofort genommen.

„Weißt du, manchmal ist ein komponierter Takt Pause das Wichtigste an einem ganzen Lied. Mit dieser Spannung umzugehen ist nicht einfach: Machst du sie zu kurz, kann sie sich nicht entfalten, machst du sie zu lang, ist es unglaubwürdige Selbstdarstellung“, erklärt der Juror und wechselt dabei ständig vom Englischen ins Deutsche. Ich hatte so viele Fragen auf meinem Zettel, aber wenn Stokes einmal ins Erzählen kommt, will man ihn einfach nicht mehr unterbrechen. „Das wäre eine sehr gute Sache“, antwortet er auf meine Frage, ob es für die Sänger nicht sinnvoll wäre, ein detailliertes Feedback von der Jury zu bekommen. „Und solche Wettbewerbe sind generell super, es sind ja auch viele Agenten hier, die ihre Ohren offen halten. Aber du solltest nicht bei einem Wettbewerb mitmachen, wenn du große Probleme damit hast zu verlieren. Es ist so vieles Geschmackssache hier. Viele Sänger, die bei sowas immer verloren haben, legten glänzende Karrieren hin und leider auch umgekehrt.“

Ein paar weitere Gedanken von Richard Stokes könnt ihr dann in meinem abschließenden Artikel lesen. Heute Nachmittag spreche ich endlich mal mit den jungen Menschen auf der Bühne über all das hier. Jetzt geht`s auch gleich weiter hier im Saal. Ihr wollt kontrollieren, ob sich meine Meinung über die Wettbewerber von der der Jury unterscheidet? Hier sind meine Favoriten:

Modestas Sedlevičius (Bariton) – Anna Anstett

André Baleiro (Bariton) – David Santos

Harriet Burns (Sopran) – Ian Tindale

Samuel Hasselhorn (Bariton) – Renate Rohlfing

Gina May Walter (Sopran) – Bangin Jung

… und hier seht ihr, wer tatsächlich weiter gekommen ist: http://www.das-lied.com/livestream/

 

Konrad Bott

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