Wie naiv seid Ihr denn bitte?

von Thilo Braun

Es gibt eine Frage, die ich in Interviews immer wieder gerne stelle: „Klassik. Was ist das eigentlich?“ Und interessanterweise sind es ausgerechnet die Insider der Szene, die sich davon oft überrumpelt fühlen. Klassik? Naja, das ist ja ganz Vieles, allein die Geschichte, na und die Kunst der Komponisten, die Vielfalt an Genres und weiß Gott noch alles! Diesen Kosmos spontan zusammenfassen? Unmöglich.

Neueinsteiger, die erst beginnen, sich ins Repertoire einzuhören, tun sich da leichter. Oft erzählen sie einfach, was sie momentan begeistert, dass „Mozart so wahnsinnig viel geschrieben hat!“ oder „dass es da so spannende Geschichten hinter den Werken gibt“. Die Antworten selbst sind natürlich oft einfacher. Wer noch nicht viel gehört hat, muss keinen jahrelang gewachsenen Erfahrungsschatz managen, die Eindrücke sind frisch, aber weniger komplex.

Aber wieso eigentlich ist es mir und vielen Insidern der Szene so wichtig, dass Klassik in ihrer „Komplexität“ wahrgenommen wird? Vielleicht, weil man irgendwann meint zu wissen, was schon Cicero wusste, nämlich dass wir allgemein gesehen doch immer Unwissende bleiben? Angesichts der unendlichen Fülle der Musik wird jeder Versuch, sie in ihrer Gänze zu begreifen, zu einer Lächerlichkeit. „Klassik ist…“ – egal was nach diesem Satz kommt, es wird eine Vereinfachung darstellen. Was tun wir stattdessen? Eifrig studieren wir die Werke, brüten über musikwissenschaftlichen Quellen, versenken uns in Philosophien, Schriften, Theorien. Möglicherweise gelingt es uns ja so, dem Kern der Musik zumindest ein klitzekleines Stückchen näher zu kommen, hoffen wir.

Aber manchmal habe ich auch Angst. Davor, dass wir in solchem gut gemeinten Streben das Gleichgewicht verlieren. Dass wir die Wunder der Musik sezieren, noch bevor wir sie überhaupt zur Kenntnis genommen haben. Was, wenn wir unsere Neugierde verlieren? Die Entdeckerfreude? Wenn wir nicht mehr im Klang schwelgen, uns fesseln, verführen und verstören lassen?

In Fachkreisen wird überhaupt wenig von emotionalen Aspekten gesprochen. Sie scheinen, da subjektiv, irrelevant zu sein. Dabei sind es ja gerade diese Erlebnisse, die uns zur tieferen Beschäftigung mit dem Gegenstand „klassische Musik“ getrieben haben. Vielleicht müssen wir ab und zu mal den Kopf ausschalten. Und einfach nur zuhören. Diese Naivität wird der Musik nicht schaden, uns aber könnte sie guttun.

Foto: Playground by Seabamirum (CC)

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