Wagner-Wahn(sinn?)

Die Top 5 der denkwürdigsten Ereignisse in und um den Wagner-Tempel

 

Von Ricarda Natalie Baldauf

Hojotoho! Einmal im Leben Bayreuther Festspielluft schnuppern: abgehakt. Bevor das Spektakel ganz offiziell anfing, mit rotem Teppich und allem Pipapo, bin ich nun endlich den Grünen Hügel hochgekraxelt, habe mich in Wagners Festspielhaus gezwängt und mir die öffentlichen Generalproben von „Die Walküre“, „Parsifal“ und „Siegfried“ zu Gemüte geführt. Was dabei im Gedächtnis blieb, waren weniger die Inszenierungen, sondern das denkwürdige Drumherum im und um das Festspielhaus:

5. Allerlei Getier
Nicht die zwei in einen Käfig gepferchten lebendigen Truthähne in Castorfs „Die Walküre“ oder die in lebensnahen Krokodilskostümen auf dem Boden herumkrauchenden Darsteller in seinem „Siegfried“. Gemeint ist eine (lebendige) Fledermaus, die es sich wohl während der Spielbetriebspause im Bühnenkonstrukt bequem gemacht hatte und nun, von Wagners Klängen angelockt, außerplanmäßig um das Bühnenbild herumflatterte.

4. Meisters Hundegräber
„Hier ruht und wacht Wagners Russ.“ Richard liebte seine Hunde. So sehr, dass eins der Tierchen direkt neben Herrchens Ruhestätte vor Villa Wahnfried begraben liegt, und ein paar Meter weiter auch der zweite Neufundländer, getauft Marke. Recherchen ergaben, dass Wagners treueste Anhänger zur Festspielzeit nicht nur frische Kränze auf sein Grab legen, sondern auch Hundi mit Kauknochen und Grußkarte gedenken: „Lieber Russ, bewache bitte weiterhin gut unseren Meister Richard.“

3. „Stühle“
Besonders gespannt war ich auf das Innere des Festspielhauses, um dessen Holz-Sitzgelegenheiten sich besonders viele Mythen ranken. Sind die tatsächlich so fürchterlich unbequem, wie Bayreuth-Kenner stets postulieren?
Oh ja! Mein Rücken hat noch immer mit den Spätfolgen zu kämpfen. Zwar wurden irgendwann einmal „Polster“ in die Stühle eingebaut, doch so hauchdünne, dass, in Kombination mit der undankbar geformten und steinharten Rückenlehne, auch die berüchtigten Bayreuther Sitzkissen nicht viel ausrichten können.

2. Wagners Verehrer
Wenn man groß ist, hat man verloren. Nicht nur, weil beim Bau des Festspielhauses anscheinend kein Platz für lange Gliedmaßen vorgesehen war, auch weil man dann unter Umständen dem eingefleischten Stammpublikum, ob der eingeschränkten Sicht auf das Bühnengeschehen, die Zornesröte ins Gesicht treibt. Wer also eine Reise zum Hügel plant und eine übergroße Statur besitzt, dem sei Obacht geraten.

1. Die Legende vom Mohren
Zwischen jedem Aufzug haben die Festspielbesucher eine ganze Stunde Zeit, ihre Glieder zu recken, zu strecken und am Prosecco zu nippen. Besten Speis und Trank gibt es aber nicht auf, sondern am Fuße des Grünen Hügels. Das „Mohren Bräu“ schaut auf eine lange Tradition zurück, geprägt durch die Legende vom Mohren, dort muss man für einen 0,2 l Wein keine 10,80 Euro hinblättern und wird außerdem vom lebensfrohen Wirt unterhalten, der nach dem Servieren von Schnitzel, Pommes und Wurstsalat, wenn der nächste Aufzug naht, glatt selbst den Gong schmettert.

Von Wissenschaft und Leidenschaft

von Max Rosenthal

An der Schwelle zum Erwachsenwerden bekam ich zwei sehr gegensätzliche Ratschläge. Nr.1: „Befasse dich beruflich mit etwas, das du liebst. Du hast sonst keine Zeit mehr dafür.“ Nr.2: „Du solltest beruflich nichts machen, das dir am Herzen liegt. Du verdirbst es dir dadurch.“

Ich bin Ratschlag 1 gefolgt. Ratschlag 2 hatte aber sicher auch seine Berechtigung. Diese Person hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit persönliche Gründe und Erfahrungen, mir eine solche Empfehlung zu geben. Gelegentlich hallt sie noch heute nach und ich frage mich: Was ist eigentlich dran? Ich arbeite mit Musik, schreibe über sie und denke über sie nach. Was macht das mit der Leidenschaft?

Es fällt mir persönlich tatsächlich schwerer, mich in alltäglichen Zusammenhängen für Musik zu begeistern. Denn natürlich erhöht sich mit wachsendem Horizont der eigene Standpunkt: Der Anspruch wächst. Vieles von dem, was mein soziales Umfeld feiert, fällt für mich in die Schublade „trivial“. Nicht, dass mich nicht auch  ab und zu – vielleicht öfter, als ich zugeben sollte – eine Nummer packt, die eigentlich unter der Tür durchpasst. Aber oft tönt dann ein kritisches Stimmchen irgendwo in meinem Kopf, das mich daran erinnert, dass zumindest eine meiner beiden Hirnhälften weiß, dass ich das eigentlich nicht gut finden sollte. Wenn ich selbst Musik mache, lässt sich dieses Stimmchen übrigens nicht abstellen, ganz im Gegenteil. Nur noch sehr hohe Geldsummen könnten mich davon überzeugen, dass meine eigene Musik etwas ist, an dem die Öffentlichkeit teilhaben sollte.

Ich lasse Musik also nur noch in einer bestimmten Qualität zu. Aber auch in einer bestimmten Quantität. Früher war ich einer von denen, die Musik so sehr lieben, dass sie sie ständig auf den Ohren haben müssen. Durch die tägliche Arbeit habe ich eine Sättigung erreicht, dass ich „privat“ nur noch gezielt und eher selten Musik höre. Die Zeiten des über Kopfhörer eingespielten ganztägigen Privatsoundtracks sind vorbei.

Einen besonderen Effekt beobachte ich, wenn es darum geht, Musik mit anderen zu teilen. Je mehr ich über Musik schreibe, desto weniger möchte ich andere privat mit meinen Ansichten konfrontieren. Früher stundenlang geführte Diskussionen über Lieblingsmusiken und -künstler versuche ich heute zu umschiffen. Und wenn mich Menschen in Gesellschaft bitten, „mal Musik anzumachen“, gebe ich die Aufgabe üblicherweise an den Nächstbesten weiter. Vor zehn Jahren hätte ich die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, mir die Missionarsrobe übergeworfen und gehofft, aus der Veranstaltung eine Gemeinde gleichbegeisterter Schäfchen zu machen. Musik als geteilte Ekstase. Heute dominiert dagegen eine Art gelassener Pantheismus. Soll doch jeder das toll finden, was er oder sie will, Schönheit liegt überall und vor allem im Auge des Betrachters. Bevor ich andere mit meinen Vorlieben quäle, überlasse ich diesen Bärendienst gerne anderen. Mir selbst ist ohnehin egal, was gerade im Hintergrund dudelt.

Das ist symptomatisch für den Wandel, den das Arbeiten mit Musik gebracht hat. Verdorben hat es mir gar nichts, aber es hat Musik zu einem privateren, exklusiveren Teil meines Lebens gemacht, vielleicht auch um Berufliches und Privates zu trennen. Damit Musik noch einen besonderen Stellenwert haben kann, muss ich ihr eine besondere Position einräumen. Eigentlich hat sie dadurch aber sogar noch an Bedeutung gewonnen. Ich bin sehr froh, auf Ratschlag 1 gehört zu haben.

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