Von Wissenschaft und Leidenschaft

von Max Rosenthal

An der Schwelle zum Erwachsenwerden bekam ich zwei sehr gegensätzliche Ratschläge. Nr.1: „Befasse dich beruflich mit etwas, das du liebst. Du hast sonst keine Zeit mehr dafür.“ Nr.2: „Du solltest beruflich nichts machen, das dir am Herzen liegt. Du verdirbst es dir dadurch.“

Ich bin Ratschlag 1 gefolgt. Ratschlag 2 hatte aber sicher auch seine Berechtigung. Diese Person hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit persönliche Gründe und Erfahrungen, mir eine solche Empfehlung zu geben. Gelegentlich hallt sie noch heute nach und ich frage mich: Was ist eigentlich dran? Ich arbeite mit Musik, schreibe über sie und denke über sie nach. Was macht das mit der Leidenschaft?

Es fällt mir persönlich tatsächlich schwerer, mich in alltäglichen Zusammenhängen für Musik zu begeistern. Denn natürlich erhöht sich mit wachsendem Horizont der eigene Standpunkt: Der Anspruch wächst. Vieles von dem, was mein soziales Umfeld feiert, fällt für mich in die Schublade „trivial“. Nicht, dass mich nicht auch  ab und zu – vielleicht öfter, als ich zugeben sollte – eine Nummer packt, die eigentlich unter der Tür durchpasst. Aber oft tönt dann ein kritisches Stimmchen irgendwo in meinem Kopf, das mich daran erinnert, dass zumindest eine meiner beiden Hirnhälften weiß, dass ich das eigentlich nicht gut finden sollte. Wenn ich selbst Musik mache, lässt sich dieses Stimmchen übrigens nicht abstellen, ganz im Gegenteil. Nur noch sehr hohe Geldsummen könnten mich davon überzeugen, dass meine eigene Musik etwas ist, an dem die Öffentlichkeit teilhaben sollte.

Ich lasse Musik also nur noch in einer bestimmten Qualität zu. Aber auch in einer bestimmten Quantität. Früher war ich einer von denen, die Musik so sehr lieben, dass sie sie ständig auf den Ohren haben müssen. Durch die tägliche Arbeit habe ich eine Sättigung erreicht, dass ich „privat“ nur noch gezielt und eher selten Musik höre. Die Zeiten des über Kopfhörer eingespielten ganztägigen Privatsoundtracks sind vorbei.

Einen besonderen Effekt beobachte ich, wenn es darum geht, Musik mit anderen zu teilen. Je mehr ich über Musik schreibe, desto weniger möchte ich andere privat mit meinen Ansichten konfrontieren. Früher stundenlang geführte Diskussionen über Lieblingsmusiken und -künstler versuche ich heute zu umschiffen. Und wenn mich Menschen in Gesellschaft bitten, „mal Musik anzumachen“, gebe ich die Aufgabe üblicherweise an den Nächstbesten weiter. Vor zehn Jahren hätte ich die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, mir die Missionarsrobe übergeworfen und gehofft, aus der Veranstaltung eine Gemeinde gleichbegeisterter Schäfchen zu machen. Musik als geteilte Ekstase. Heute dominiert dagegen eine Art gelassener Pantheismus. Soll doch jeder das toll finden, was er oder sie will, Schönheit liegt überall und vor allem im Auge des Betrachters. Bevor ich andere mit meinen Vorlieben quäle, überlasse ich diesen Bärendienst gerne anderen. Mir selbst ist ohnehin egal, was gerade im Hintergrund dudelt.

Das ist symptomatisch für den Wandel, den das Arbeiten mit Musik gebracht hat. Verdorben hat es mir gar nichts, aber es hat Musik zu einem privateren, exklusiveren Teil meines Lebens gemacht, vielleicht auch um Berufliches und Privates zu trennen. Damit Musik noch einen besonderen Stellenwert haben kann, muss ich ihr eine besondere Position einräumen. Eigentlich hat sie dadurch aber sogar noch an Bedeutung gewonnen. Ich bin sehr froh, auf Ratschlag 1 gehört zu haben.

©Pexels/Pixabay

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