Vier Tage raus

Von Jonas Zerweck

Vergangene Woche fand in Brüssel die „European Week of Regions and Cities“ statt. Vier Tage lang Workshops, Networking und Austausch. Vertreter von EU-Förderprogrammen, von privaten Unternehmen und von den vielen Regionen und Städten Europas kamen dort zusammen. An diesen Tagen geht es seit fünfzehn Jahren jährlich um Zusammenarbeit und um Projekte auf kommunaler bis regionaler Ebene. Dass es nicht nur das europaweit größte Treffen von Vertretern der Regionen, sondern sogar weltweit ist, deutet ein wenig die Bedeutung dieser Zusammenkunft an.

Was hat das mit klassischer Musik zu tun? Nichts – nicht mal bei der Preisverleihung des „RegioStar“-Awards, der einzelne Projekte würdigt, wurde Musik gespielt. Doch die Tage in Brüssel haben mich auf eine völlig andere Art und Weise inspiriert, als es Musik kann, dem Gedankenfeld, auf dem ich mich täglich bewege, und das ist eine wertvolle Qualität. Direkte Projekte für die Menschen Europas in Bereichen wie Leben im Alter, Bildung, Umwelt und ähnliches sowie der spürbare Drang von mehreren Tausend Menschen enger zusammenarbeiten zu wollen, tragen ihre eigene Kraft. Solche Erlebnisse reißen den Alltag auf, und gleichzeitig heilen sie ihn, weil sie ihn bereichern. So nehme ich dann eben doch etwas für mein Feld der klassischen Musik mit: Ein Abend bei einem Brüsseler Freund in seiner internationalen WG wirft mal wieder die Europafrage auf – wie gelingt mehr Zusammenhalt und Zugehörigkeitsgefühl zwischen allen Menschen der Europäischen Union? Natürlich bleibt der Abend eine konkrete Antwort schuldig, doch ich muss an die Musik denken, unter den Künsten schließlich die emotionalste: Wenn es um ein fehlendes Gefühl bei den Menschen geht, welche Rolle kann Musik in diesem Prozess spielen? Und umgekehrt, liegt darin nicht auch eine Chance für sie?

© European Week of Cities and Regions

Die Kunst der Überforderung

Von Ricarda Natalie Baldauf

„Ich verstehe das alles nicht!“ Manch ein Besucher von Surrogate Cities/Götterdämmerung an der Wuppertaler Oper ist verärgert. In der Pause wird sich bei einem Glas Prosecco über eine rätselhafte Handlung und diese neuartige Musik von Heiner Goebbels ausgelassen.
Sein Werk von 1994 wird mit dem 3. Akt aus Richard Wagners Götterdämmerung in einen Topf geworfen. Das Bühnenbild ist dreiteilig, vorne und hinten sitzt das Orchester. In der Mitte eine Art Guckkasten, in dem gesungen und geschauspielert wird. Szenen ohne logischen Zusammenhang, so scheint es – und eine duschende Frau auf der Opernbühne, splitterfasernackt. Eine Kamerafrau verfolgt das Geschehen aus ihrem eigenen Blickwinkel, ihre Bilder werden auf eine Leinwand über der Bühne projiziert. All das überfordert.

Für mich sollte Kunst Fragen aufwerfen! In der Beschäftigung mit Musik habe ich diese Momente, in denen mich ihre Kraft schier überrollt, lieben gelernt. Sie kann mich mit Vertrautheit umschmeicheln, mir fremd sein oder abschreckend, meinen Kopf durchwühlen und mein Gefühl angreifen. Für mich ein Mysterium, dem ich nie ganz auf den Grund kommen werde. Und eines, das mich immer wieder mit mir selbst konfrontiert.

Eine Oper, die Wagnisse eingeht, Grenzen überschreitet, wird wohl immer auf Verärgerung stoßen. Sie macht ihr Publikum aber auch zu einem mündigen, das nicht völlig zufrieden aus der Oper spaziert. Wir sollten also nicht vor der Fremdartigkeit zurückzuschrecken, sondern sie willkommen heißen. Es lebe die Überforderung!

© Oper Wuppertal/Wil van Lersel