„Das Lied“ – Eindrücke eines Wettbewerbs, Teil 3

Das Finale steht vor der Tür und ich hab immer noch nichts über Wettbewerber geschrieben. Aber hättet ihr meine Einschätzung von allen 26 Duos, ergo 52 Musikern lesen wollen? Ich auch nicht. Gestern hat also das große Aussieben eingesetzt, dem leider auch Harriet Burns und Ian Tindale – die größten Sympathieträger aller Teilnehmenden – zum Opfer gefallen sind. Schade, aber insofern verständlich, als dass Harriet gestern irgendwie ziemlich eng in den Höhen klang. Das war am Mittwoch noch nicht so. Weshalb die beiden für mich so wichtig waren, hat folgenden Grund: Ihre Interpretationen erschienen wundervoll nahbar. Zum einen liegt das an dem fantastischen Zusammenspiel, zum anderen an der Sensibilität der Performance.

Burns und Tindale, die sich in London eine WG teilen, liegt das Lied als Kunstform besonders am Herzen . „Manche Leute halten es für altmodisch, aber ich denke: Das ist es auf keinen Fall.“, erklärt Ian und rückt seine Brille vor den freundlich verschmitzten Augen zurecht. „Ob ich noch Solo-Programm mache? Oh nein, ich arbeite mehr als Korrepetitor!“ Er und Harriet gehören zu der Sorte Künstler, die ihre eigene Persönlichkeit mit auf die Bühne nehmen: sorgfältige Ausarbeitung von Phrasen, sehr viel Sensibilität für die Reaktionen des jeweils anderen und eine .. nunja, irgendwie typisch englische Respekthaltung vor der Sache selbst. Ians Art, leise zu spielen hat etwas sehr fürsorgliches – der Sängerin und den Stücken gegenüber. Naja, die Jury hat entschieden…

…und der Rest meiner Favoriten ist ja noch drin! Allesamt Baritone. Tatsächlich haben sich die männlichen Sänger prozentual besser durchsetzen können. Und ja, das ist auch begründet. Der übellaunigen Gesangsprofessor, der gestern neben mir saß, bestätigte mein Gefühl, dass es zum einen an interessanten Frauenstimmen gemangelt habe und zum anderen die Stücke schlecht ausgewählt wurden. Die jungen Damen hätten sich einfach charakterstärkere Stücke mit szenischerem Inhalt aussuchen und vortragen müssen. Dann hätten sie dem ein oder anderen Konkurrenten noch ein Schnippchen geschlagen.

Eine schöne, mehr oder weniger unerwartete Wahl fürs Finale ist die Mezzosopranistin Clara Osowski mit ihrem Begleiter Tyler Wottich. Die beiden sind irgendwie anders. Die fast Chanson-artige Erdigkeit in Osowskis Stimme gepaart mit der langsamen Kraft eines Golems, mit der Wottich seine schweren Finger in die Tastatur gräbt, haben irgendwie was für sich. Ihr Auftritt ist wie ein Naturschauspiel – von großer Selbstverständlichkeit geprägt, unbeirrbar und völlig authentisch. Die beiden dürfen jetzt beim Finale auch noch Frontschweine spielen. Ich drücke allen Beteiligten die Daumen und rate euch da draußen dringend, dieses Konzert nicht zu verpassen: http://www.das-lied.com/livestream

 

Konrad Bott

Neulich bei der Uraufführung

von Anna Chernomordik

Der Titel ist gelogen. Es war eine Erstaufführung. Und deswegen war ich nicht einmal da, sondern wegen „Pierrot Lunaire“, einem Stück nicht mehr neuer, aber doch wenig gehörter Musik. Arnold Schönberg hat es 1913 komponiert. Knapp 100 Jahre später traf es in der Schule im Musik-Unterricht bei mir voll ins Schwarze, seine düstere Atmosphäre, die schaurige Romantik der Sprache, die fremdartigen und berührenden Klänge, der leichte Wahnsinn in der gesungenen Sprechstimme. „Endlich habe ich einen Zugang zu neuer Musik!“, dachte ich mir.

Da hielt ich mich aber auch für fortschrittlich, weil ich zeitgenössischer Musik grundsätzlich nicht abgeneigt war. Einige Jahre später hörte ich also das Werk endlich im Konzert, mit einer erstklassigen Besetzung, in einem großen Konzertsaal. (War cool, übrigens, aber es kam nicht ans erste Mal Hören heran und darum geht’s hier auch nicht.) Vorangestellt wurden zwei deutsche Erstaufführungen.

Die Ohren gespitzt, die Klänge aufgesogen, bin ich in der ersten längeren Pause eingeschlafen. Es hat nichts genützt, das verräterisch ruckartige Herunterfallen des Kopfes durch ein betont langsames in-den-Nacken-Rollen abzufangen, als würde man nur die Hörposition wechseln. Wen will ich denn hier beeindrucken? Spätestens beim Applaus fühle ich mich ertappt. Das kleine aber offenbar expertige Publikum jubelt, Bravo-Rufe, eine Frau klopft dem in den ersten Reihen sitzenden Komponisten anerkennend auf die Schulter. Hier ist die Klassikszene lebendig, hier passiert etwas. Aber was? Gern würde ich in die Köpfe der Leute schauen, der Jubelnden, der Nickenden, aber auch derjenigen, die fluchtartig den Raum verlassen.

Was sind das für Menschen, die sich in diesem Konzert wiederfinden? Oder bin ich die einzige, die sich nicht zugehörig fühlt? Je mehr ich höre, desto offener werden meine Ohren, das ist eigentlich die Devise. Und ich gebe mich auch nicht als Expertin aus, aber komplett ahnungslos bin ich auch nicht. Außerdem gab es eine Einführung, einen Einleitungstext und für besonders Interessierte ja sogar die Möglichkeit, den Komponisten anzusprechen. Aber es ist schon schwer zuzugeben, dass man eigentlich nichts verstanden hat. Da war nur so ein Gefühl. Das reicht nicht und das ist sehr frustrierend, als würde die schwere Tür, die man gerade einen Spalt weit aufgekriegt hat, wieder zufallen. Nur ein kleiner ignoranter Hoffnungsschimmer wispert: „Vielleicht war’s ja die falsche?“ 

Gruppentherapie – 7 Dinge, die wir schon immer voneinander wissen wollten

1. Was war der skurrilste Moment, den du bei deiner Arbeit erlebt hast?

Thilo: Mein erster Termin in Dortmund. Bei der Zugabe setzt sich der gesamte Dortmunder Männergesangsverein BVB-Mützen auf und johlt Fahnen-wedelnd Booorussiaaaa durch den Saal – außer mir fand das aber seltsamerweise keiner skurril…

Hannah: Ich habe Peter Maffay interviewt – und er ging mir gerade mal bis zur Schulter.

Anna C.: Eine Sitznachbarin in einem langweiligen (Pardon Hannah!) Orgelkonzert beugte sich über meinen Notizblock und begann mit einem triumphierenden „Ha! Sie sind von der Presse!“ einen Monolog über ihr derzeitiges Kulturprojekt. Seitdem schreibe ich nur noch im Dunkeln mit, oder auf dem Klo.

Anna L.: Die Konzerte der umliegenden Gesangsvereine meines Heimatdorfes. Alle skurril.

Robert: Einmal wollte ich einen Pianisten noch vor einem Konzert interviewen. Ich kam in den Konzertsaal, wo er gerade übte. Die Bühne sah aus wie eine Studentenbude, überall lagen Sachen herum, darunter eine Ukulele und eine Kette…

2. Schonmal eine schlimme Schreibblockade gehabt? Was tust du in solchen Momenten?

Thilo: Verzweifeln. Dann spazieren gehen. Nachdenken, warum ich diese Beruf eigentlich liebe. Das Ergebnis liefert entweder frische Ideen – oder plustert die Verzweiflung auf zum unerreichbaren Ideal. Dann hilft nur: Durchbeißen.

Hannah: Ja, ständig immer mal wieder kleinere Schreibblockaden. Meist mache ich dann nicht viel außer immer wieder einen neuen potenziellen ersten Satz zu konstruieren. Wenn der richtige erste Satz steht, läuft der Rest oft einfach hinterher.

Anna C.: Verzweifeln. Dann einen Tee trinken. Nachdenken, warum ich diesen Beruf eigentlich mache. Fluchen. Irgendwas schreiben. Spontan Schlaf nachholen. Nervös aufwachen. So lange redigieren, bis die Sätze annähernd Sinn ergeben. Fluchen. Abschicken.

Anna L.: Ja! Aufhören und wenn es zeitlich geht, ein paar Stunden später oder am nächsten Tag weiterschreiben. Wenn es nicht geht: Der Horror! Dann wird’s ein unglücklicher Text.

Robert: Ich warte sehr lange, bis ich mit dem Schreiben anfange. Danach sprudelt es meistens nur so raus. Unter Stress schreibe ich besser. Wenn es dann nicht geht, verfalle ich in Floskeln.

3. Für wen schreibst du?

Thilo: Für den neugierigen Hörer – oder den, der es werden will. Für Streithähne. Für Betriebsblinde. Für mich.

Hannah: Viel für mich selbst, für Menschen, die sich ohnehin dafür interessieren, für die Musiker und Konzertbesucher, für den Interviewpartner, für alle, die zufällig auf der Seite landen, für alle, die das Thema eigentlich Scheiße finden.

Anna. C:. In der Grundidee eigentlich für die Musiker. Uneigentlich für mich, um die Gedanken zu sortieren und zu verarbeiten, in der wachsenden Hoffnung, dass die Musiker es nicht lesen. Im Redigat in dem Bewusstsein, dass sie es doch tun werden.

Anna L.: Für mich und für alle, die es interessiert. Noch besser: Der Leser interessiert sich jetzt für das Thema, weil ich darüber geschrieben habe.

Robert: Nach Stockhausen: „Ich schreibe für Jedermann, aber nicht um jeden Preis.“

4. Glaubst du, du kannst über Musik urteilen?

Thilo: Nein. Aber ich glaube, ich kann meinen rein subjektiven Eindruck argumentativ und sachgemäß vertreten. Niemand muss etwas mögen oder hassen, weil ich es tue. Wichtig ist mir allein, dass mein Standpunkt verstanden wird.

Hannah: Mir geht es wie Thilo. Ich kann höchstens versuchen zu erklären, warum mir etwas gefallen hat oder nicht. Wenn das gelingt, und Leser verstehen, was ich meine, habe ich mein Ziel erreicht.

Anna C.: Ja, auf jeden Fall, weil ich es sowieso mache. Ich versuche nicht zu verurteilen, aber auch das passiert schnell. Wen mein Urteil interessieren sollte/könnte, warum und ob es überhaupt irgendwo reingehört, das sind die schwierigeren Fragen.

Anna L.: Ich finde „urteilen“ klingt ein bisschen streng. Im Gericht werden Urteile gefällt. Ist „bewerten“ das bessere Wort? Da denke ich an Schulnoten. Eher kann ich beschreiben, wie ich die Musik empfinde und wahrnehme.

Robert: Über Interpreten sehr wohl. Über Musik? Wozu denn?

5. Wieviel Erfahrung brauchen Kritiker?

Thilo: Immer mehr als er hat und weniger als man meint.

Hannah: Die schönsten Besprechungen schreiben manchmal Leute, die ein Stück zum allerersten Mal hören und noch nicht versaut sind durch standardreproduzierten Kritikersprech.

Anna C.: Vielleicht vor allem viel Erfahrung, selbst kritisiert zu werden? Das wäre doch ein schönes Format – Musiker kritisieren Kritiker.

Anna L.: Je mehr Erfahrung, desto besser! Allerdings sollte man nach all den Konzerten und geschrieben Seiten irgendwie frisch im Kopf bleiben.

Robert: So viel wie möglich. Im besten Fall selbst Musik machen, um die Leiden der jungen Interpreten zu verstehen.

6. Willst du die Jugend erreichen? Wie?

Thilo: Ja. Aber nicht zwanghaft. Ich bin schließlich Teil der „Jugend“, warum sollten sich Gleichaltrige also nicht auch von meinen Gedanken angesprochen fühlen?

Hannah: Ich weiß immer nicht, was mit „die Jugend“ gemeint ist. Tatsächlich ist mir das Alter derjenigen, deren Interesse ich für ein Thema wecken kann, ziemlich egal.

Anna C.: Ich schwimme lieber im Silbersee, da freut man sich so über meine eigene Jugend. Aber über jugendliche Mitschwimmer freue ich mich auch.

Anna L.: Kommt darauf an, wer die Jugend ist. Sind es die pubertären Jungs, die mir heute im Zug den letzten Nerv geraubt haben, kann ich mich nur der Frage anschließen: Wie?

Robert: Die Jugend zu erreichen ist sehr schwer, wenn zuvor kein Kontakt mit (klassischer) Musik stattgefunden hat. Bei jüngeren Kindern ist das vermutlich einfacher. Es muss auch viel von den Eltern kommen.

7. Glaubst du, du kannst mit deiner Arbeit die Welt verbessern?

Thilo: Ja, definitiv. Was aber nicht heißt, dass sie das zwingend auch tut.

Hannah: Ich glaube, Journalismus kann zur Entstehung und Eskalation von Konflikten beitragen. Genauso glaube ich, dass Journalismus zum Frieden in der Welt beitragen kann. Kulturjournalismus, zu dem der Musikjournalismus zählt, spielt da eine genauso wichtige Rolle, wie Journalismus über Politik. Also: Ja. Ich glaube, meine Arbeit kann ein Beitrag zum Frieden und zum reflektierten Denken in dieser Welt sein.

Anna C.: Das finde ich zu dick aufgetragen, da gibt es einfachere Wege als Musikjournalismus. Bestimmt ist es irgendwie möglich, aber ich glaube, dass ein Großteil unserer Arbeit kaum bzw. keine einsehbaren Einfluss auf eine „bessere Welt“ hat.

Anna L.: Unsere Arbeit ist wichtig, keine Frage. Aber die Welt verbessern? I don’t know.

Robert: Musik ist etwas, das tief in der Sozialisation und damit im einzelnen Menschen verwurzelt ist. Und Musikjournalismus gehört zur Musik dazu wie das Musikmachen selbst. Daher lautet die Antwort für mich eindeutig ja.

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Willkommen in der Gedankenfabrik!

Ab Mai 2016 werden auch die Teilnehmer der Akademie Musikjournalismus des Musikfestivals Heidelberger Frühling für niusic.de schreiben und filmen. In diesem Blog werden sie parallel dazu berichten, welche Erfahrungen sie dabei als Nachwuchs-Journalisten machen. Ob kuriose Geschichten zu Interviews und Recherchen, ob Überlegungen zu Lust und Last des Schreibens oder Gedanken und Ideen zu neuen Formen des Miteinanders von Musik, Sprache und Bildern: Dieser Blog gibt Einblicke in die Gedankenfabrik des modernen Musikjournalismus.