Die Kunst der Überforderung

Von Ricarda Natalie Baldauf

„Ich verstehe das alles nicht!“ Manch ein Besucher von Surrogate Cities/Götterdämmerung an der Wuppertaler Oper ist verärgert. In der Pause wird sich bei einem Glas Prosecco über eine rätselhafte Handlung und diese neuartige Musik von Heiner Goebbels ausgelassen.
Sein Werk von 1994 wird mit dem 3. Akt aus Richard Wagners Götterdämmerung in einen Topf geworfen. Das Bühnenbild ist dreiteilig, vorne und hinten sitzt das Orchester. In der Mitte eine Art Guckkasten, in dem gesungen und geschauspielert wird. Szenen ohne logischen Zusammenhang, so scheint es – und eine duschende Frau auf der Opernbühne, splitterfasernackt. Eine Kamerafrau verfolgt das Geschehen aus ihrem eigenen Blickwinkel, ihre Bilder werden auf eine Leinwand über der Bühne projiziert. All das überfordert.

Für mich sollte Kunst Fragen aufwerfen! In der Beschäftigung mit Musik habe ich diese Momente, in denen mich ihre Kraft schier überrollt, lieben gelernt. Sie kann mich mit Vertrautheit umschmeicheln, mir fremd sein oder abschreckend, meinen Kopf durchwühlen und mein Gefühl angreifen. Für mich ein Mysterium, dem ich nie ganz auf den Grund kommen werde. Und eines, das mich immer wieder mit mir selbst konfrontiert.

Eine Oper, die Wagnisse eingeht, Grenzen überschreitet, wird wohl immer auf Verärgerung stoßen. Sie macht ihr Publikum aber auch zu einem mündigen, das nicht völlig zufrieden aus der Oper spaziert. Wir sollten also nicht vor der Fremdartigkeit zurückzuschrecken, sondern sie willkommen heißen. Es lebe die Überforderung!

© Oper Wuppertal/Wil van Lersel

Wagner-Wahn(sinn?)

Die Top 5 der denkwürdigsten Ereignisse in und um den Wagner-Tempel

 

Von Ricarda Natalie Baldauf

Hojotoho! Einmal im Leben Bayreuther Festspielluft schnuppern: abgehakt. Bevor das Spektakel ganz offiziell anfing, mit rotem Teppich und allem Pipapo, bin ich nun endlich den Grünen Hügel hochgekraxelt, habe mich in Wagners Festspielhaus gezwängt und mir die öffentlichen Generalproben von „Die Walküre“, „Parsifal“ und „Siegfried“ zu Gemüte geführt. Was dabei im Gedächtnis blieb, waren weniger die Inszenierungen, sondern das denkwürdige Drumherum im und um das Festspielhaus:

5. Allerlei Getier
Nicht die zwei in einen Käfig gepferchten lebendigen Truthähne in Castorfs „Die Walküre“ oder die in lebensnahen Krokodilskostümen auf dem Boden herumkrauchenden Darsteller in seinem „Siegfried“. Gemeint ist eine (lebendige) Fledermaus, die es sich wohl während der Spielbetriebspause im Bühnenkonstrukt bequem gemacht hatte und nun, von Wagners Klängen angelockt, außerplanmäßig um das Bühnenbild herumflatterte.

4. Meisters Hundegräber
„Hier ruht und wacht Wagners Russ.“ Richard liebte seine Hunde. So sehr, dass eins der Tierchen direkt neben Herrchens Ruhestätte vor Villa Wahnfried begraben liegt, und ein paar Meter weiter auch der zweite Neufundländer, getauft Marke. Recherchen ergaben, dass Wagners treueste Anhänger zur Festspielzeit nicht nur frische Kränze auf sein Grab legen, sondern auch Hundi mit Kauknochen und Grußkarte gedenken: „Lieber Russ, bewache bitte weiterhin gut unseren Meister Richard.“

3. „Stühle“
Besonders gespannt war ich auf das Innere des Festspielhauses, um dessen Holz-Sitzgelegenheiten sich besonders viele Mythen ranken. Sind die tatsächlich so fürchterlich unbequem, wie Bayreuth-Kenner stets postulieren?
Oh ja! Mein Rücken hat noch immer mit den Spätfolgen zu kämpfen. Zwar wurden irgendwann einmal „Polster“ in die Stühle eingebaut, doch so hauchdünne, dass, in Kombination mit der undankbar geformten und steinharten Rückenlehne, auch die berüchtigten Bayreuther Sitzkissen nicht viel ausrichten können.

2. Wagners Verehrer
Wenn man groß ist, hat man verloren. Nicht nur, weil beim Bau des Festspielhauses anscheinend kein Platz für lange Gliedmaßen vorgesehen war, auch weil man dann unter Umständen dem eingefleischten Stammpublikum, ob der eingeschränkten Sicht auf das Bühnengeschehen, die Zornesröte ins Gesicht treibt. Wer also eine Reise zum Hügel plant und eine übergroße Statur besitzt, dem sei Obacht geraten.

1. Die Legende vom Mohren
Zwischen jedem Aufzug haben die Festspielbesucher eine ganze Stunde Zeit, ihre Glieder zu recken, zu strecken und am Prosecco zu nippen. Besten Speis und Trank gibt es aber nicht auf, sondern am Fuße des Grünen Hügels. Das „Mohren Bräu“ schaut auf eine lange Tradition zurück, geprägt durch die Legende vom Mohren, dort muss man für einen 0,2 l Wein keine 10,80 Euro hinblättern und wird außerdem vom lebensfrohen Wirt unterhalten, der nach dem Servieren von Schnitzel, Pommes und Wurstsalat, wenn der nächste Aufzug naht, glatt selbst den Gong schmettert.