Götterfunken gesucht

von Thilo Braun

Sollte ich nicht eigentlich etwas Sinnvolles machen? Etwas Weltverbesserndes, Nützliches? Diese Frage hat sich hartnäckig in meinen Gedanken festgebissen. Während rings umher die Welt aus den Fugen gerät, Terror und Panik wuchern, beschäftige ich mich den Großteil meiner Zeit mit Vergangenem. Ich lese über Mozarts Leben in Wien, analysiere Schuberts Winterreise, erfreue mich an Ordnung und Wohlklang in Bachs Partita. Spannend ist das, klar. Aber braucht die Welt gerade nicht dringender gute Politiker und Aktivisten als klassische Musikjournalisten?

Oh, Freude schöner Götterfunken

Zunächst muss geklärt werden, warum es überhaupt sinnvoll sein soll, die Musik zur Grundlage eines Textes zu machen. Dahinter steckt die Annahme, es gebe weitere Ebenen zu ergründen neben dem reinen Hören, Botschaften zu entschlüsseln, Geheimnisse zu lüften. Und schon ist er wieder da, dieser Reflex, ihre zauberhafte Allmacht herbei zu zitieren. Wer, wenn nicht sie, könnte Kraft ihres Klangs die Welt verbrüdern? Oh, Freude schöner Götterfunken, wäre das schön. Doch der Glaube daran erscheint fragwürdig, Beethoven hat es nicht geschafft, die Welt besser zu komponieren, und auch in unserer heutigen Zeit wird zwar so viel musiziert wie nie, und doch steht es nicht gerade gut um den Frieden. Hat uns ein Märchen getäuscht?

Ich glaube nicht, dass eine im Konzert gespielte Beethoven-Sinfonie ihre Hörer unbedingt zu besseren Menschen macht. Und doch scheint es sie zu geben, Erweckungsmomente durch Musik, unzählige Berichte und Erzählungen bezeugen es, auch ich könnte davon zu berichten. Es stellt sich also weniger die Frage, ob Musik überhaupt Menschen verändern oder die Welt verbrüdern kann, sondern vielmehr, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit das klappt.

Zwei Dinge erscheinen mir elementar. Erstens: Musik muss eine Sprache sprechen, die ich verstehe. Zweitens: Es muss Anknüpfungspunkte geben zwischen dem Kunstwerk und mir als Person. Das klingt banal. Dennoch ist es schockierend nachzuspüren, wie selten diese Kriterien tatsächlich erfüllt werden. Zur Sprache der Musik gehört wie im echten Leben unendlich viel mehr als ihr Vokabular: Noten, Harmonik und Form. Da wäre die Absicht des Komponisten, sowohl bewusster als auch unbewusster Natur, die Situation ihrer Entstehung, ihre Übersetzung durch die Interpreten, der Ort ihrer Äußerung. Missverständnisse lauern allerorten!

Fragen an die Verkünder der Wahrheit

Natürlich, Musik kann sich selbst vermitteln. Und doch liegt es in unserer Macht, möglichst günstige Voraussetzungen dafür zu schaffen. Welche Botschaft erzählen die Spielpläne unserer Konzertsäle? Wie wirken Werke im Zusammenhang? Werden die Aufführungsorte den Werken gerecht? Stimmen Interpretation und Aussage überein? Haben wir die Intention des Komponisten historisch erforscht und verstanden?

Ich verstehe es als unsere Aufgabe als Musikjournalisten, diese Fragen wieder und wieder zu stellen. Dem Musikbetrieb, dem Publikum und uns selbst. Nicht um die Wahrheit zu finden, sondern um ihre voreilige Verkündung zu vermeiden. Wir können die Welt dadurch nicht besser machen. Aber wir werden vielleicht im Nachdenken über unsere Ideale die Voraussetzung dafür schaffen, dass die Musik es kann.

 

Ein fragendes Akademie-Überbleibsel

von Hannah Schmidt

Es waren zwei Fragen, mit denen wir Mitte April in Heidelberg bei der Musikjournalisten-Akademie begrüßt wurden, in dem zwar kleinen aber prunkvoll eingerichteten Zimmer mit den hohen Decken und den goldgrünen Mustertapeten. Mit Blick auf den Neckar. Unausgeschlafen. Bei Filterkaffee und Kondensmilch: Was will Musikjournalismus eigentlich? Warum mache ich das alles hier? Stille.

Ich muss zugeben, dass ich die Fragen schon ein paar Tage vorher befürchtet hatte. Klar, man bewirbt sich für eine Musikjournalisten-Schreibschule, weil man Lust auf Musik hat, weil man für sich weiß, dass man über Musik schreiben und schreiben lernen will, weil man erfahren will, was noch alles gehen kann innerhalb dieser übermütigen Kombination: Sprache über Musik, Worte über Wortloses, Buchstaben über Klänge. Und dann sitzt man in einer Runde von Leuten, die alle aus sehr ähnlichen Gründen nach Heidelberg gekommen sind, und wird gefragt: Warum macht ihr das alles eigentlich? Und: Warum glaubt ihr, dass es jemanden außer euch selbst interessieren sollte?

Antwort: unbefriedigend

Zwar haben wir alle irgendwas geantwortet, und die Antworten waren zum großen Teil sehr wahr. Dennoch: Die Frage und meine Antwort darauf haben mich unbefriedigt zurück gelassen. Für wen mache ich das alles eigentlich, CD-Besprechungen, Künstlerportraits, Ankündigungen, Konzertrezensionen? Ich möchte mich hiermit gerne ein zweites Mal an einer für mich schlüssigen Antwort versuchen.

Ja, ich schreibe für die Künstler, was für sie ein wichtiges Feedback sein kann. Ich schreibe für die Leute, die da waren, im Konzert, und die gerne so etwas wie eine „Wahrheit“ oder Bestätigung über das Gehörte erfahren möchten. Ich schreibe für die, die nicht da waren und sich ein Bild machen möchten von dem Abend. Und ich schreibe für mich selbst, die ich nicht länger sprachlos sein möchte, wenn es darum geht, Musik und ihre Wirkung auf mich zu beschreiben.

Aber warum braucht die Welt das? Warum soll man ihr beschreiben, was in einem selbst vorgeht? Warum soll man über vergangene Konzerte berichten, die nie, nie wieder in dieser Art und Weise stattfinden werden? Warum sich über einen einfallslosen Spielplan echauffieren? Warum über schiefe Töne und so etwas Vages wie „fehlenden musikalischen Ausdruck“?

Versuch 1: der Rattenfänger

Unsere Akademie-Leiterin bot uns als ihre Antwort ein Bild aus einer Sage an: Sie sehe sich als Rattenfänger von Hameln – der Mensch, der Flöte spielt, und alle Kinder folgen ihm. Sie sagte, sie sehe es unter anderem als ihre Aufgabe, Menschen, die sich als „unmusikalisch“, unkultiviert oder sonst uninteressiert an „klassischer“ Musik empfinden und zeigen, dafür zu begeistern. Ihnen zu zeigen: Das hier ist wichtig. Es ist interessant. Es ist relevant. Es geht uns alle an. Die Kinder, die der Musik des Rattenfängers aus der Stadt folgen, sind die Menschen, die den Musikjournalisten aus der reinen Musik-Konsumentenhaltung heraus in ein Nachdenken über Musik folgen – oder so ähnlich.

Das war ein Bild, das mich nachdenklich gemacht hat. Es ist ambitioniert und ganz treffend – ein bisschen hinkt es, wie jeder gut gemeinte Vergleich –, aber es transportierte für mich zunächst eine Wertung, die mir nicht so gut gefiel: Es implizierte für mich das Urteil, Musik „unbedacht“ und ohne höhere Ambitionen zu „konsumieren“, sei nur die halbe Wahrheit und weniger wert als eine die Aufführung, den Apparat, das „Werk“ stets hinterfragende Haltung.

Und dass genau das unsere ganze Gruppe spaltete, zeigte sich in der Diskussion danach: Darf sich „Frau Meier von nebenan“ bei einem Beethoven-Konzert entspannen? Oder sollte sie, falls sie das vorhat, nicht lieber gleich zu Hause bleiben? Welche Haltung verlangt die Musik von ihren Hörern? Verlangt sie überhaupt eine Haltung, kann sie das überhaupt? Ist „klassische“ Musik etwas, das an mich Erwartungen stellt, denen ich gerecht werden muss, indem ich in der Pause schlaue Gespräche über die Intonation der ersten Geigen, das etwas zu spätromantische Dirigat oder den musikalischen Ausdruck des ersten Klarinettisten führe? Meine Meinung: Nein.

Versuch 2: Ansprüchen gerecht werden

„Klassische“ Musik oder auch jede andere Musik an sich stellt an ihre Hörer keine Ansprüche. Die Musik hat keinen Zeigefinger und keine herausfordernd hochgezogenen Augenbrauen, die meinen: „Bilde dich, dann bist du es wert, mich zu genießen!“ Auch nicht, wenn der Komponist es genau so gesagt haben sollte. Denn die Musik ist, sie wird, und sie geht zu Ende mit dem ausklingenden Applaus.

Ich selbst bin es jedoch, die anhand dieser Musik Ansprüche an mich stellt, denn die Musik und ihre Aufführung lösen etwas in mir aus, etwas, das ganz, ganz subjektiv ist und ganz, ganz subjektiv mit meinen persönlichen Erwartungen und Erfahrungen, meinem Wissen (meinetwegen analytischer Art und davon, was wir glauben über die „Intention“ des Komponisten zu wissen), meinem Charakter, meiner Denkart und meinen ästhetischen Vorstellungen zu hat. Jedes Reflektieren über ein Konzerterlebnis ist so immer auch ein Reflektieren über mich selbst und über meinen Blick auf die Welt und auf die Kunst.

Was spannend ist: Es passiert manchmal, dass Menschen im Konzert die gleichen Erfahrungen machen, mit ähnlichen Empfindungen den Saal verlassen und mit ähnlichen Worten darüber sprechen möchten. Das liegt nicht nur an der Musik, sondern auch daran, dass viele Menschen, die hier leben, sehr ähnlich sozialisiert sind. Solche Erfahrungen verbinden. Sie machen, dass wir uns als Teil einer Gemeinschaft fühlen, und betont sei hier der Wortteil gemein – denn sich in oder über etwas gemein sein kann sich erstrecken auf ganz viele Faktoren.

Versuch 3: Gemeinschaft des Nachdenkens über Musik

Was wir als Musikjournalisten oder der Mensch in der Sage als „Rattenfänger“ also am Ende tun, ist, eine Gemeinschaft des Nachdenkens über Musik zu schaffen. Um zu meiner befürchteten implizierten Kritik an Nicht-„Mitläufern“ dieser Gemeinschaft zurück zu kommen: Das bedeutet nicht, dass „Frau Meier von nebenan“ nicht Beethoven zur Entspannung hören kann und auch ausdrücklich darf. Beethovens Musik verliert dadurch nicht an Wert, ganz im Gegenteil: Sie beweist ihren Wert auf einer zusätzlichen Ebene, und das macht sie reicher.

Am Ende wird gerade „klassische“ Musik dadurch zu einer für mich so besonderen Musik: Weil sie sich dem Hörer von einer völlig neuen Seite präsentieren kann, wenn dieser anfängt, anders über sie nachzudenken. Es stecken nicht nur temporäres Ideengut und momentane Kreativität des Komponisten in der Musik, sondern gleichzeitig die durch unfassbar viele Faktoren beeinflusste Interpretation des oder der Musiker, dazu Intention, Handwerk und der Umgang mit Traditionen.

Es fließen in jeder Bach-, Beethoven-, Mahler-, Andriessen- und Nono-Aufführung Jahrhunderte von Kulturgeschichte und Menschheitsgeschichte ineinander, da steckt die Entwicklung von Ästhetik drin, von Hörgewohnheit und Sozialisation, darin stecken Persönlichkeit, viele, viele Gedanken und lange gelernte Fertigkeiten, da steckt Gesellschaft drin, Zeitgeschichte und Politik. Einen direkteren Draht zu unserer Entwicklung als Menschen, zu allem Gewesenen und allem, zu dem wir noch fähig sind, gibt es kaum. Und das geht uns alle an, jeden Einzelnen im Konzertsaal, der sich in diesem Moment befindet inmitten strömender und pulsierender Geschichte, die mit jeder Note und jeder Reaktion darauf reißend weitergetrieben wird. Und wir machen, dass die Welt davon erfährt.

Fazit: Teil der Kulturgeschichte

Ein bisschen sind wir also Chronisten im Dienste derer, die uns die immer wieder aufs Neue zu Musik werdenden Partituren hinterlassen haben, ein bisschen sind wir das kollektive Gehirn derer, die dabei waren und darüber nachdenken, und ein bisschen sind wir Galeristen, die den Künstlern durch Einordnung und Kommentierung neue Blicke auf das ermöglichen, was sie mitteilen wollten und mitgeteilt haben.

Wir verbinden alles zu einer Einheit und machen es zu einem möglichst greifbaren Element der Kulturgeschichte. Da sind auch der Vermerk auf ein für uns unbefriedigendes Konzert oder eine zu schmalzige CD-Aufnahme wichtig, genau wie die Darstellung des Lebens und der Ansichten des Solisten oder des zweiten Geigers, des Dirigenten oder Festspieldirektors, genau wie Werkbetrachtungen und Rezeptionsgeschichte, zu der wir unseren Teil beitragen,  indem wir die Welt an unseren Gedanken teilhaben lassen.

Und indem wir uns immer und immer wieder die Frage stellen, warum unsere Arbeit wichtig ist – und zuallererst warum sie uns wichtig ist.

 

 

Willkommen in der Gedankenfabrik!

Ab Mai 2016 werden auch die Teilnehmer der Akademie Musikjournalismus des Musikfestivals Heidelberger Frühling für niusic.de schreiben und filmen. In diesem Blog werden sie parallel dazu berichten, welche Erfahrungen sie dabei als Nachwuchs-Journalisten machen. Ob kuriose Geschichten zu Interviews und Recherchen, ob Überlegungen zu Lust und Last des Schreibens oder Gedanken und Ideen zu neuen Formen des Miteinanders von Musik, Sprache und Bildern: Dieser Blog gibt Einblicke in die Gedankenfabrik des modernen Musikjournalismus.