Stinkbomben und Tattoos

Skandal auf dem Grünen Hügel. Ohne geht es bei den Bayreuther Festspielen oft nicht. Wir haben die Top-Five zusammengestellt.

Von Sophie Emilie Beha

1. Patrice Chéreau: Der Jahrhundertskandal (1976)

Supergau! Die Ring-Inszenierung von Patrice Chéreau sahnte erst einmal Buhrufe, Publikumsprügeleien und Trillerpfeifenkonzerte ab. Sogar Stinkbomben flogen durch die Luft. Der Auslöser: Chéreau (31) verlegte das Werk in die Zeit seiner Uraufführung, der Frühindustrialisierung des 19. Jahrhunderts. Damit entmythologisierte er den Ring und trieb eingefleischte Wagnerianer zur Weißglut.

Es folgten Forderungen die Inszenierung abzusetzen („Werkschutz für Wotan“). Flugblätter, Vereine und Unterschriftensammelaktionen drohten den Festspielen mit Geldentzug. Noch radikaler waren die beleidigten Besucher bei Wolfgang Wagner, dem damaligen künstlerischen Leiter: Er bekam Morddrohungen.

Doch so sehr sich die Skandaltreiber auch ärgerten und aufregten – Chéreau, als jüngster und erster ausländischer Regisseur, schuf modernes Regietheater. Seine Inszenierung anlässlich des 100. Jubiläums war letztlich fünf Jahre lang in Bayreuth zu sehen und der 80-minütige Applaus nach der letzten Vorstellung ist heute so legendär wie der Skandal.

2. Evgeny Nikitin: Der Hakenkreuzträger (2012)

Absage trotz Idealbesetzung: Wenige Tage vor der Eröffnungspremiere sagte Evgeny Nikitin seine Titelpartie für den Fliegenden Holländer ab. Grund dafür war ein Beitrag in der ZDF-Kultursendung „aspekte“. Er zeigt Filmaufnahmen von Nikitin in einer Heavy-Metal-Band – wie er mit nacktem Oberkörper Schlagzeug spielt, SS-Runen und ein Hakenkreuz, die auf seine Brust tätowiert sind. Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen“, veröffentlichte der Sänger auf der Festspielseite.

Etwa eineinhalb Wochen später teilte Nikitin in einer Mitteilung der New Yorker Metropolitan Oper mit, dass die Zeichen auf seiner Brust von skandinavischer Musik und Metal-Mythologie beeinflusst wären, er trage aber keineswegs ein Hakenkreuz und bedauere die Falschinterpretation. „Ich habe keinerlei Affinität oder Verbindung zu Neonazis oder einer faschistischen Bewegung.“

Mittlerweile prangt auf der Brust des Bassbaritons in leuchtenden Farben ein achtstrahliger Stern mit Wappen.

3. Roberto Alagna: Der Wiederholungstäter (2018)

Wie peinlich! Drei Tage vor Probenbeginn für den Lohengrin zur Eröffnung der Festspiele sagt Tenor Roberto Alagna ab. Dabei hätte sein Rollendebüt wirklich interessant werden können. Der Tenor hat sich bis jetzt auf das französische und italienische Fach spezialisiert, Lohengrin wäre seine erste deutsche Oper gewesen. Im Mai erzählte er dem Magazin „Oper!“ über seine Verwunderung, dass Bayreuth ausgerechnet ihn angefragt habe, und von seiner größten Herausforderung, der Sprache.

Doch laut der Festspielseite hat Alagna seine Partie schlichtweg zu wenig geübt und deshalb im letzten Moment den Rückzieher gemacht. Diese Form von Unprofessionalität erinnert an das Jahr 2006 an der Mailänder Scala, als der Tenor bei der zweiten Vorstellung von Verdis Aida ausgebuht wurde. Er hob den Arm zur Faust und ging von der Bühne. Im Anschluss verklagte er das Theater und ist seitdem nie wieder in Italien aufgetreten.

Piotr Beczala singt für Alagna die Partie Lohengrin.

4. Andris Nelsons: Der Es-ist-unklar-Skandal (2016)

Keine vier Wochen vor Beginn verließ Andris Nelsons, Dirigent der Eröffnungspremiere, die Festspiele. Grund dafür war laut Nelsons „eine unterschiedliche Herangehensweise in verschiedenen Hinsichten.“ Aha!

Wirklich konkreter wurde es leider nicht, angeblich einigten sich Nelsons und die Festspielleitung darauf, keine weiteren Informationen preiszugeben. Also wurde spekuliert: Wollte Nelsons etwa während der Festspiele ein Konzert in den USA dirigieren, was die Leitung missbilligte? Wurden ihm die metallenen, meterhohen, drei Millionen teuren Sicherheitszäune um Haus und Hügel zu viel? Oder war es, was als wahrscheinlicher gilt, Christian Thielemann, Musikdirektor in Bayreuth, der ihm zu sehr in seine Interpretation hineinredete, sich in die Proben einmischte und mitdirigierte?

Wie auch immer: Angela Merkel sagte ihr Kommen zur Eröffnung ab, und Hartmut Haenchen sprang für Nelsons ein.

5. Wim Wenders: Der Filmemacher (2011)

Zurück vom Ring!“ Dieser Aufschrei des Verräters Hagen beendet den Opernzyklus. Offenbar nahm der Filmregisseur Wim Wenders ihn ernst, denn er sagte seine Ring-Inszenierung ab, die zum 200. Geburtstag von Richard Wagner während der Festspiele 2013 geplant war. In der gemeinsamen Erklärung der Festspiele und Wenders ist von „unterschiedlichen Vorstellungen beider Seiten“ die Rede, „die nicht in vollem Umfang zu der nötigen Übereinstimmung gebracht werden konnten“. „Aus Gründen der Vertraulichkeit“ gab es keine weiteren Details.

Wenders hatte sich kurz davor in seinem 3D-Film Pina bereits an Mythen abgearbeitet. Begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten kündigte er an, auch die Bayreuther Festspiele in ein Filmstudio verwandeln zu wollen, um so seinen Ring in 3D für die Nachwelt erfahrbar zu machen. Hier lagen wohl die Meinungsverschiedenheiten mit den Wagner-Schwestern, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, Bayreuths Chefinnen.

Allerdings sollte es seine erste Operninszenierung werden, zudem waren an den Jubiläums-Ring ähnlich hohe Erwartungen geknüpft wie an den Jahrhundert-Ring von Patrice Chéreau.

Wagner-Wahn(sinn?)

Die Top 5 der denkwürdigsten Ereignisse in und um den Wagner-Tempel

 

Von Ricarda Natalie Baldauf

Hojotoho! Einmal im Leben Bayreuther Festspielluft schnuppern: abgehakt. Bevor das Spektakel ganz offiziell anfing, mit rotem Teppich und allem Pipapo, bin ich nun endlich den Grünen Hügel hochgekraxelt, habe mich in Wagners Festspielhaus gezwängt und mir die öffentlichen Generalproben von „Die Walküre“, „Parsifal“ und „Siegfried“ zu Gemüte geführt. Was dabei im Gedächtnis blieb, waren weniger die Inszenierungen, sondern das denkwürdige Drumherum im und um das Festspielhaus:

5. Allerlei Getier
Nicht die zwei in einen Käfig gepferchten lebendigen Truthähne in Castorfs „Die Walküre“ oder die in lebensnahen Krokodilskostümen auf dem Boden herumkrauchenden Darsteller in seinem „Siegfried“. Gemeint ist eine (lebendige) Fledermaus, die es sich wohl während der Spielbetriebspause im Bühnenkonstrukt bequem gemacht hatte und nun, von Wagners Klängen angelockt, außerplanmäßig um das Bühnenbild herumflatterte.

4. Meisters Hundegräber
„Hier ruht und wacht Wagners Russ.“ Richard liebte seine Hunde. So sehr, dass eins der Tierchen direkt neben Herrchens Ruhestätte vor Villa Wahnfried begraben liegt, und ein paar Meter weiter auch der zweite Neufundländer, getauft Marke. Recherchen ergaben, dass Wagners treueste Anhänger zur Festspielzeit nicht nur frische Kränze auf sein Grab legen, sondern auch Hundi mit Kauknochen und Grußkarte gedenken: „Lieber Russ, bewache bitte weiterhin gut unseren Meister Richard.“

3. „Stühle“
Besonders gespannt war ich auf das Innere des Festspielhauses, um dessen Holz-Sitzgelegenheiten sich besonders viele Mythen ranken. Sind die tatsächlich so fürchterlich unbequem, wie Bayreuth-Kenner stets postulieren?
Oh ja! Mein Rücken hat noch immer mit den Spätfolgen zu kämpfen. Zwar wurden irgendwann einmal „Polster“ in die Stühle eingebaut, doch so hauchdünne, dass, in Kombination mit der undankbar geformten und steinharten Rückenlehne, auch die berüchtigten Bayreuther Sitzkissen nicht viel ausrichten können.

2. Wagners Verehrer
Wenn man groß ist, hat man verloren. Nicht nur, weil beim Bau des Festspielhauses anscheinend kein Platz für lange Gliedmaßen vorgesehen war, auch weil man dann unter Umständen dem eingefleischten Stammpublikum, ob der eingeschränkten Sicht auf das Bühnengeschehen, die Zornesröte ins Gesicht treibt. Wer also eine Reise zum Hügel plant und eine übergroße Statur besitzt, dem sei Obacht geraten.

1. Die Legende vom Mohren
Zwischen jedem Aufzug haben die Festspielbesucher eine ganze Stunde Zeit, ihre Glieder zu recken, zu strecken und am Prosecco zu nippen. Besten Speis und Trank gibt es aber nicht auf, sondern am Fuße des Grünen Hügels. Das „Mohren Bräu“ schaut auf eine lange Tradition zurück, geprägt durch die Legende vom Mohren, dort muss man für einen 0,2 l Wein keine 10,80 Euro hinblättern und wird außerdem vom lebensfrohen Wirt unterhalten, der nach dem Servieren von Schnitzel, Pommes und Wurstsalat, wenn der nächste Aufzug naht, glatt selbst den Gong schmettert.