Sind wir nur Schmarotzer?

Von Max Rosenthal

„Eigentlich können mir aber doch Aesthetiker, Recensenten, und wie sie alle heißen, gestohlen werden, sie sind zu faul und leben von Andrer Glück, könnten selbst doch Handwerker geworden sein, und wenigstens ordentliche Tische machen.“ – Felix Mendelssohn Bartholdy

Wenn man über Komponisten seine Doktorarbeit schreibt, fängt man irgendwann auch an, sich mit der Person auseinanderzusetzen, die hinter den Werken steht. Da sitze ich also, Schreiberling und Doktorand, und stolpere – im Sitzen – über diese Aussage Felix Mendelssohn Bartholdys. Sicherlich hätte man es, wie eine der zahlreichen überlieferten fragwürdigen Aussagen historischer Personen, einfach abhaken können. Aber was Felix sagt, nehme ich mittlerweile ernst und denke darüber nach. Hat er Recht? Sind Menschen, die über Musik und Musikbetrieb schreiben, Parasiten der schaffenden Künstler?

Über andere urteilen, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen

Der Gedanke hat einen gewissen Reiz: Denn wer rezensiert, urteilt über andere, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und das in den allermeisten Fällen, ohne selbst das „Handwerk“ der Musik gelernt zu haben, zumindest nicht so, wie diejenigen, die beurteilt werden. So gesehen ist es wahr. Wir sind demnach von denjenigen abhängig, die sich jahrelang damit abmühen, ein Instrument zu perfektionieren, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen und es auf Bühnen zu schaffen, die groß genug sind, damit jemand es für nötig hält, darüber zu berichten. Und dann der entscheidende Moment, in dem wir von unserem gepolsterten Logenplatz herabschauend befinden: nicht gut. Zur falschen Zeit im falschen Medium kann damit die gesamte, lange aufgebaute Karriere nachhaltig ruiniert sein. Und wieso? Weil wir ein paar Euro brauchten, um über die nächste Woche zu kommen. Keine Künstler, keine Kohle.

Mit der Argumentation muss man sich Stück für Stück auseinandersetzen, will man sein berufliches Selbstverständnis zurückgewinnen. Erstens und vorweg ist das Schreiben natürlich auch ein Handwerk, aber weil es fast jeder lernt sind die Grenzen zwischen Können und Nicht-Können sehr viel fließender als beim Musizieren.

Qualifizierte Zweitmeinung

Zweitens erfüllt auch das schreibende Volk eine Funktion im Kulturbetrieb. Nicht ohne Grund hat sich das Berufsbild des Musikjournalisten erst richtig herausgebildet um die Wende zum 19. Jahrhundert, als das Bürgertum langsam erstarkte und mehr teilhaben wollte an dem, was vorher Elitenkultur war. Indem wir schreiben, erfüllen wir ein Bedürfnis nach Information und Vermittlung, und auch nach einer geschulten Einschätzung dessen, was gesehen und gehört wurde. Denn dafür studieren wir ja in den meisten Fällen Musikwissenschaft oder Ähnliches.

Zugleich fungieren wir, drittens, als Regulationsinstrument. Wir liefern Zweitmeinungen, die unabhängig und vielleicht verschieden sind von denen der Verlage, der Labels, der Künstler und der Zuhörer selbst. Und was gefällt, erhält außerdem Publicity, was nicht gefällt, fällt durch. Beförderung des Survival of the Fittest im riesigen Kultursumpf. Andererseits: Wer sind wir, dass wir natürliche Selektion spielen dürfen? Wer hat uns das erlaubt?

Der Ausweg aus dem Dilemma?

Und so kommt man leider wieder zurück zum moralischen Grundproblem. Dass wir als Schreibende von den Künstlern, und manchmal auf ihre Kosten, im wörtlichen Sinne „profitieren“, lässt sich nicht leugnen. Auch wenn das durch gewisse Aufgaben seine Berechtigung hat, bleibt das Dilemma. Einen Ausweg kann man da wohl nur für sich selbst finden, und zwar durch gewissenhafte, informierte, gründlich recherchierte, respektvolle und vor allem nicht überhebliche Arbeit. Denn: Keine Künstler, keine Kohle.

© Engin_Akyurt/Pixabay

Von Wissenschaft und Leidenschaft

von Max Rosenthal

An der Schwelle zum Erwachsenwerden bekam ich zwei sehr gegensätzliche Ratschläge. Nr.1: „Befasse dich beruflich mit etwas, das du liebst. Du hast sonst keine Zeit mehr dafür.“ Nr.2: „Du solltest beruflich nichts machen, das dir am Herzen liegt. Du verdirbst es dir dadurch.“

Ich bin Ratschlag 1 gefolgt. Ratschlag 2 hatte aber sicher auch seine Berechtigung. Diese Person hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit persönliche Gründe und Erfahrungen, mir eine solche Empfehlung zu geben. Gelegentlich hallt sie noch heute nach und ich frage mich: Was ist eigentlich dran? Ich arbeite mit Musik, schreibe über sie und denke über sie nach. Was macht das mit der Leidenschaft?

Es fällt mir persönlich tatsächlich schwerer, mich in alltäglichen Zusammenhängen für Musik zu begeistern. Denn natürlich erhöht sich mit wachsendem Horizont der eigene Standpunkt: Der Anspruch wächst. Vieles von dem, was mein soziales Umfeld feiert, fällt für mich in die Schublade „trivial“. Nicht, dass mich nicht auch  ab und zu – vielleicht öfter, als ich zugeben sollte – eine Nummer packt, die eigentlich unter der Tür durchpasst. Aber oft tönt dann ein kritisches Stimmchen irgendwo in meinem Kopf, das mich daran erinnert, dass zumindest eine meiner beiden Hirnhälften weiß, dass ich das eigentlich nicht gut finden sollte. Wenn ich selbst Musik mache, lässt sich dieses Stimmchen übrigens nicht abstellen, ganz im Gegenteil. Nur noch sehr hohe Geldsummen könnten mich davon überzeugen, dass meine eigene Musik etwas ist, an dem die Öffentlichkeit teilhaben sollte.

Ich lasse Musik also nur noch in einer bestimmten Qualität zu. Aber auch in einer bestimmten Quantität. Früher war ich einer von denen, die Musik so sehr lieben, dass sie sie ständig auf den Ohren haben müssen. Durch die tägliche Arbeit habe ich eine Sättigung erreicht, dass ich „privat“ nur noch gezielt und eher selten Musik höre. Die Zeiten des über Kopfhörer eingespielten ganztägigen Privatsoundtracks sind vorbei.

Einen besonderen Effekt beobachte ich, wenn es darum geht, Musik mit anderen zu teilen. Je mehr ich über Musik schreibe, desto weniger möchte ich andere privat mit meinen Ansichten konfrontieren. Früher stundenlang geführte Diskussionen über Lieblingsmusiken und -künstler versuche ich heute zu umschiffen. Und wenn mich Menschen in Gesellschaft bitten, „mal Musik anzumachen“, gebe ich die Aufgabe üblicherweise an den Nächstbesten weiter. Vor zehn Jahren hätte ich die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, mir die Missionarsrobe übergeworfen und gehofft, aus der Veranstaltung eine Gemeinde gleichbegeisterter Schäfchen zu machen. Musik als geteilte Ekstase. Heute dominiert dagegen eine Art gelassener Pantheismus. Soll doch jeder das toll finden, was er oder sie will, Schönheit liegt überall und vor allem im Auge des Betrachters. Bevor ich andere mit meinen Vorlieben quäle, überlasse ich diesen Bärendienst gerne anderen. Mir selbst ist ohnehin egal, was gerade im Hintergrund dudelt.

Das ist symptomatisch für den Wandel, den das Arbeiten mit Musik gebracht hat. Verdorben hat es mir gar nichts, aber es hat Musik zu einem privateren, exklusiveren Teil meines Lebens gemacht, vielleicht auch um Berufliches und Privates zu trennen. Damit Musik noch einen besonderen Stellenwert haben kann, muss ich ihr eine besondere Position einräumen. Eigentlich hat sie dadurch aber sogar noch an Bedeutung gewonnen. Ich bin sehr froh, auf Ratschlag 1 gehört zu haben.

©Pexels/Pixabay

Das Berichten-wir-Dilemma

von Hannah Schmidt

Zwar schreibe ich hier als Musikjournalistin, doch trotzdem auch als Journalistin, die sich im Alltag auch mit anderen Dingen als Musik beschäftigt – weil ein Musik-Termin auch sehr schnell politisch werden kann. Vergangenen Freitag bin ich bei einem Probenbesuch in eine journalistische Schleife hineingeraten, die mich seitdem nicht mehr los lässt: Ich wollte zu einer Generalprobe in einer von Dortmunds Innenstadtkirchen, weil ich es zum Konzert am nächsten Tag nicht hätte schaffen können.

Kurz vor Beginn sagte man mir am Telefon, etwas sei komisch, alles voller Polizei, und ich solle durch den Sakristei-Eingang in die Kirche kommen. Drinnen angekommen saßen Chor und Orchester auf ihren Plätzen oder im Kirchraum verteilt, untätig, im hinteren Teil der Kirche Polizisten. Leute hätten sich auf dem Kirchturm verbarrikadiert und würden von oben rechte Parolen in die Fußgängerzone rufen, hieß es. Die Pfarrerin der Kirche hatte schon reagiert und die Glocken in Dauerbetrieb geschaltet – draußen hörte man nichts mehr. Proben im Inneren der Kirche war aber auch nicht möglich.

Reaktion eins, Reaktion zwei

Meine erste Reaktion: Ich rief in der Redaktion an. Ausnahmsweise war dort niemand mehr. Zweite Reaktion: Ich holte etwas zum Schreiben heraus und ging zu den Polizisten. Wenig später traf der für den Presse-Kontakt vor Ort zuständige Beamte ein, wir gingen nach draußen, er berichtete Geschehnisse und Details. Einer unserer Fotografen war auch schon da, lief herum und machte Fotos. Riesen Aufmerksamkeit. Als ich in die Kirche zurück wollte, ließ man mich nicht.

In mir fand ein kleiner Kampf statt: Fährst du in die Redaktion und schreibst es auf, bescherst dieser Propaganda-Aktion noch mehr Öffentlichkeit, als sie ohnehin schon hat – oder lässt du es bleiben und verschweigst damit etwas, was mehrere Tausend Leute kopfschüttelnd ohnehin beobachtet haben? Trotz aller Bedenken, die erste Stimme war stärker. Ich fuhr noch einmal zurück und schrieb auf, was der Presse-Zuständige mir vor Ort erzählt hatte. Neutral und knapp. Ich ordnete es weiter unten auf der Startseite an, teilte es nicht in sozialen Netzwerken. Im Laufe der Nacht sollte es immer weiter nach unten rutschen. Ein Kompromiss.

Pustekuchen.

Natürlich blieb es nicht dabei, Kollegen, Zeugen und auch die Rechten selbst suchten und fanden den Bericht und teilten ihn eigenständig. Andere Medien berichteten gleichfalls, boulevardesker, prominenter. Die Propagandisten frohlockten über das Medienecho, das sich bis zum nächsten Morgen und auch noch am nächsten und übernächsten Tag hielt und sich sogar überregional und international ausweitete. Ich wäre am liebsten im Boden versunken.

Zwar riefen und rufen die Berichte bei den Lesern zu fast 100 Prozent Empörung hervor, sie verurteilen die Aktion scharf. Andererseits weiß trotzdem fast jeder im Land, was am Freitagabend auf Dortmunds Kirchturm passiert ist. Was wäre schlimmer gewesen? Diese Situation, wie sie jetzt ist, zu der ich beigetragen habe – oder eine andere, das Nicht-Berichten oder nur kurz anreißen und sonst nichts weiter? Mittlerweile glaube ich, dass nicht so maßgeblich ist, wie ein einzelner Verlag handelt oder Stellung bezieht. Selbst der spätere Entschluss, den Text weiter auf eine dreisätzige Meldung zu verkürzen und mit einer Klausel („Wir berichten nicht ausführlicher Punkt“) zu versehen, hat das Lauffeuer nicht stoppen können. Was es gebracht hat: Die Redaktion hat sich positioniert, sie hat den Propagandisten den Kampf erklärt: „Egal, was ihr tut, wir bieten euch diese Öffentlichkeit nicht.“

Journalismus persönlich beleidigt?

Was da stattfindet, ist ein Kleinkrieg. Die Reaktion finde ich einerseits gut, andererseits hat sie auch etwas persönlich Beleidigtes. Was man aus dieser Meldung herauslesen kann ist: Gruppe X macht etwas, und das verurteilen wir. Im Fokus steht nicht mehr die journalistische Berichterstattung, sondern die politische Haltung der Redaktion. Aber soll das? Ist das sinnvoll? Was passiert, wenn Journalismus bei komplizierten Sachverhalten in erster Linie auf der Meta-Ebene seine Meinung darstellt, anstatt nach nachrichtlichen Kriterien – informativ – darüber berichtet?

Vielleicht wäre die kurze dreisätzige Meldung ohne den moralischen Nachklapp sogar noch besser gewesen. Nicht begründen, warum das keine ausführliche Geschichte wert ist, sondern die Sache einfach so behandeln. Vorleben statt erklären.

Ein Alternativvorschlag

Toll gefunden hätte ich im Nachhinein, glaube ich, diese Nachricht:

„Die Glocken der Innenstadtkirche haben am Freitagabend zwei Stunden ohne Pause geläutet. Der Grund dafür waren Rechtsextremisten, die sich im Turm verbarrikadiert hatten und von oben Parolen brüllten. Durch das Geläut waren sie unten nicht mehr zu hören. In einer gemeinsamen Aktion konnten Polizei und Feuerwehr die acht Männer und Frauen nach einer Stunde wieder aus der Kirche führen.“

Habt ihr eine Lösung?