Was mache ich hier überhaupt?

Von Sophie Emilie Beha

Musikjournalistischer Alltag? In letzter Zeit so gut wie nicht vorhanden. Die vergangenen fünf Monate habe ich im Auslandssemester verbracht. Natürlich war ich dort auch ab und an in der Oper oder im Konzert, geschrieben habe ich aber selten darüber. Die Prioritäten waren umsortiert: An die Stelle vom Schreiben über Musik traten eine neue Sprache und mir unbekannte Orte.

Trotzdem habe ich mir immer wieder eine Frage gestellt, die nun Zeit und genügend Distanz endlich zugelassen haben:

Warum bin ich Musikjournalistin? Kann ich damit in irgendeiner Form die Welt verbessern? Sollte ich nicht lieber einen Beruf ergreifen, der eine größere gesellschaftliche „Relevanz“ besitzt wie Ärztin, Aktivistin oder Politikerin? Claudio Abbado meinte einmal, alle Musikkritiker sollten besser Metzger werden. Hatte er Recht?

Braucht jeder Beruf „Relevanz“?

Wann ist ein Beruf nützlich, sinnvoll, wichtig? Wenn er gesellschaftliche „Relevanz“ hat und das Potenzial, Menschen, Institutionen und Umstände zu ändern? Aber muss das wirklich jeder Beruf? Die „Relevanz“ erreicht doch gerade in der Kunst eine andere Ebene. Was ist eine Gesellschaft ohne Kunst? Ist es nicht daher zwingend notwendig, dass Kunst und auch die Kritik an ihr zweckfrei stattfinden können?

Musikjournalismus kann mit Kenntnissen über Repertoire und Historie eine qualifizierte Zweitmeinung liefern. Er analysiert und seziert die Musik, zerstückelt sie in alle Einzelteile, um sie dann wieder zu einer großen Abstraktion zusammenzusetzen. So kann er das erhellen, was im Dunkeln liegt, Unverständnis und Vorurteil durch Ordnung aus dem Weg räumen. Meine Arbeit als Musikjournalistin halte ich für sinnvoll. Gerade in politisch stürmischen Zeiten brauchen wir Kunst. Als Sandkasten, wo wir die Freiheit haben, Burgen zu bauen und sie wieder zu zerstören und als Form der Kritik.

Von Wissenschaft und Leidenschaft

von Max Rosenthal

An der Schwelle zum Erwachsenwerden bekam ich zwei sehr gegensätzliche Ratschläge. Nr.1: „Befasse dich beruflich mit etwas, das du liebst. Du hast sonst keine Zeit mehr dafür.“ Nr.2: „Du solltest beruflich nichts machen, das dir am Herzen liegt. Du verdirbst es dir dadurch.“

Ich bin Ratschlag 1 gefolgt. Ratschlag 2 hatte aber sicher auch seine Berechtigung. Diese Person hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit persönliche Gründe und Erfahrungen, mir eine solche Empfehlung zu geben. Gelegentlich hallt sie noch heute nach und ich frage mich: Was ist eigentlich dran? Ich arbeite mit Musik, schreibe über sie und denke über sie nach. Was macht das mit der Leidenschaft?

Es fällt mir persönlich tatsächlich schwerer, mich in alltäglichen Zusammenhängen für Musik zu begeistern. Denn natürlich erhöht sich mit wachsendem Horizont der eigene Standpunkt: Der Anspruch wächst. Vieles von dem, was mein soziales Umfeld feiert, fällt für mich in die Schublade „trivial“. Nicht, dass mich nicht auch  ab und zu – vielleicht öfter, als ich zugeben sollte – eine Nummer packt, die eigentlich unter der Tür durchpasst. Aber oft tönt dann ein kritisches Stimmchen irgendwo in meinem Kopf, das mich daran erinnert, dass zumindest eine meiner beiden Hirnhälften weiß, dass ich das eigentlich nicht gut finden sollte. Wenn ich selbst Musik mache, lässt sich dieses Stimmchen übrigens nicht abstellen, ganz im Gegenteil. Nur noch sehr hohe Geldsummen könnten mich davon überzeugen, dass meine eigene Musik etwas ist, an dem die Öffentlichkeit teilhaben sollte.

Ich lasse Musik also nur noch in einer bestimmten Qualität zu. Aber auch in einer bestimmten Quantität. Früher war ich einer von denen, die Musik so sehr lieben, dass sie sie ständig auf den Ohren haben müssen. Durch die tägliche Arbeit habe ich eine Sättigung erreicht, dass ich „privat“ nur noch gezielt und eher selten Musik höre. Die Zeiten des über Kopfhörer eingespielten ganztägigen Privatsoundtracks sind vorbei.

Einen besonderen Effekt beobachte ich, wenn es darum geht, Musik mit anderen zu teilen. Je mehr ich über Musik schreibe, desto weniger möchte ich andere privat mit meinen Ansichten konfrontieren. Früher stundenlang geführte Diskussionen über Lieblingsmusiken und -künstler versuche ich heute zu umschiffen. Und wenn mich Menschen in Gesellschaft bitten, „mal Musik anzumachen“, gebe ich die Aufgabe üblicherweise an den Nächstbesten weiter. Vor zehn Jahren hätte ich die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, mir die Missionarsrobe übergeworfen und gehofft, aus der Veranstaltung eine Gemeinde gleichbegeisterter Schäfchen zu machen. Musik als geteilte Ekstase. Heute dominiert dagegen eine Art gelassener Pantheismus. Soll doch jeder das toll finden, was er oder sie will, Schönheit liegt überall und vor allem im Auge des Betrachters. Bevor ich andere mit meinen Vorlieben quäle, überlasse ich diesen Bärendienst gerne anderen. Mir selbst ist ohnehin egal, was gerade im Hintergrund dudelt.

Das ist symptomatisch für den Wandel, den das Arbeiten mit Musik gebracht hat. Verdorben hat es mir gar nichts, aber es hat Musik zu einem privateren, exklusiveren Teil meines Lebens gemacht, vielleicht auch um Berufliches und Privates zu trennen. Damit Musik noch einen besonderen Stellenwert haben kann, muss ich ihr eine besondere Position einräumen. Eigentlich hat sie dadurch aber sogar noch an Bedeutung gewonnen. Ich bin sehr froh, auf Ratschlag 1 gehört zu haben.

©Pexels/Pixabay

Almost Famous – oder auch nicht

Ich stehe nicht auf der Liste. Mal wieder. Sowas passiert nicht immer, aber oft genug, um damit ab und an rechnen zu müssen. In solchen Situationen denke ich an den Film „Almost Famous“, der auch vor verschlossenen Türen beginnt. Der junge Musikjournalist William Miller kommt nicht ins Konzert, obwohl er für ein lokales Fanzine ein Interview mit Black Sabbath führen soll. Aber hier geht es nicht um Black Sabbath. Es geht um eine Johannespassion mit dem Kirchenchor oder einen Jazz-Star mittlerer Bekanntheit oder einen ausverkauften Abend im örtlichen Konzerthaus. Je unbekannter der Arbeitgeber, desto wahrscheinlicher, dass der/die freundliche Kassenbedienstete keine Ahnung hat, woher man kommt, was man will und ob man es darf. Und dann beginnt der Horror.
(Spoiler: Wie William Miller schaffe auch ich es letztendlich immer rein, egal ob zu Recht oder nicht, ergo ob sich der Veranstalter oder die Redaktion geirrt hat. Einmal stand die „eigentliche“ Kritikerin vor mir und sagte mit drohender Stimme „das ist mein Platz…“. Sehr unangenehm sowas, und es war wirklich nicht meine Schuld, ehrlich!)

Für diejenigen, die keine Karten haben und auch keine kaufen wollen, gibt es an der Kasse auch keinen Platz. Im besten Fall gibt es eine Ecke, in die man sich als Kind schon stellen musste, um sich zu schämen. Das Tolle an der Ecke ist auch, dass man dort von ausnahmslos allen dabei gesehen wird. Die Ecke ist der grausige Ort des Wartens, des Wartens auf die Aufklärung, auf wichtige Telefonate, die getätigt werden könnten, wenn denn all die anderen Besucher mit Karten versorgt sind, der Rest geklärt ist und Brigitte kommt, wir warten auf Brigitte. Oder Markus, sie sind vom Management, die können das entscheiden. Warten in der festen Hoffnung, dass ich am Ende doch reinkomme, aber mit genug Ungewissheit, die mir alle paar Sekunden den Magen umdreht. Durchsetzt von Momenten des existentiell bedrohenden Selbstzweifels, der eitlen Selbstbeschwichtigung sowieso zu gut für das alles zu sein und der rastlosen Aggressivität, die kein Ventil finden darf. AAAAH!

Da landet auf mir der hoffnungsvolle Blick eines dieser Menschen, die noch eine Karte loswerden wollen. Auch er wurde von dem/der freundlichen Kassenbediensteten zuvor mit einem äußert netten und bestimmten Blick in die andere Ecke verwiesen, um nach Abnehmern Ausschau zu halten. Ach sie ist krank geworden? Wie schade. Super Plätze! Danke, aber nein danke, ich habe selbst Karten, eigentlich. Aber warum soll ich bezahlen, wenn ich zur Arbeit gehe. Vierzig Minuten stehe ich hier vor der Toilettentür rum, das macht Laune für eine richtig gute Rezension. Was soll ich denn jetzt schreiben? Da möchte ich am liebsten meinen Stolz wieder zusammenkratzen und gehen. Demonstrativ. So. Ich gehe jetzt. Ja. Sofort. Jetzt gleich. Ich warte noch drei Minuten und dann gehe ich. Noch fünf. Na gut sieben. Ah, die sieht wichtig aus, das wird bestimmt, ach doch nicht. Ok, jetzt noch zwei. Noch eine. Jetzt gehe ich aber. Ach Moment, da kommt jemand. „Hier, die da hinten ist von keine-Ahnung-was und sollte wohl auf der Liste stehen.“. Zum Teufel mit eurem Laden! Ich bin – oh, das ging ja schnell, äh… danke…. ja… ok… ich sage Bescheid….. Dann… beim nächsten Mal….

 

Gruppentherapie – 7 Dinge, die wir schon immer voneinander wissen wollten

1. Was war der skurrilste Moment, den du bei deiner Arbeit erlebt hast?

Thilo: Mein erster Termin in Dortmund. Bei der Zugabe setzt sich der gesamte Dortmunder Männergesangsverein BVB-Mützen auf und johlt Fahnen-wedelnd Booorussiaaaa durch den Saal – außer mir fand das aber seltsamerweise keiner skurril…

Hannah: Ich habe Peter Maffay interviewt – und er ging mir gerade mal bis zur Schulter.

Anna C.: Eine Sitznachbarin in einem langweiligen (Pardon Hannah!) Orgelkonzert beugte sich über meinen Notizblock und begann mit einem triumphierenden „Ha! Sie sind von der Presse!“ einen Monolog über ihr derzeitiges Kulturprojekt. Seitdem schreibe ich nur noch im Dunkeln mit, oder auf dem Klo.

Anna L.: Die Konzerte der umliegenden Gesangsvereine meines Heimatdorfes. Alle skurril.

Robert: Einmal wollte ich einen Pianisten noch vor einem Konzert interviewen. Ich kam in den Konzertsaal, wo er gerade übte. Die Bühne sah aus wie eine Studentenbude, überall lagen Sachen herum, darunter eine Ukulele und eine Kette…

2. Schonmal eine schlimme Schreibblockade gehabt? Was tust du in solchen Momenten?

Thilo: Verzweifeln. Dann spazieren gehen. Nachdenken, warum ich diese Beruf eigentlich liebe. Das Ergebnis liefert entweder frische Ideen – oder plustert die Verzweiflung auf zum unerreichbaren Ideal. Dann hilft nur: Durchbeißen.

Hannah: Ja, ständig immer mal wieder kleinere Schreibblockaden. Meist mache ich dann nicht viel außer immer wieder einen neuen potenziellen ersten Satz zu konstruieren. Wenn der richtige erste Satz steht, läuft der Rest oft einfach hinterher.

Anna C.: Verzweifeln. Dann einen Tee trinken. Nachdenken, warum ich diesen Beruf eigentlich mache. Fluchen. Irgendwas schreiben. Spontan Schlaf nachholen. Nervös aufwachen. So lange redigieren, bis die Sätze annähernd Sinn ergeben. Fluchen. Abschicken.

Anna L.: Ja! Aufhören und wenn es zeitlich geht, ein paar Stunden später oder am nächsten Tag weiterschreiben. Wenn es nicht geht: Der Horror! Dann wird’s ein unglücklicher Text.

Robert: Ich warte sehr lange, bis ich mit dem Schreiben anfange. Danach sprudelt es meistens nur so raus. Unter Stress schreibe ich besser. Wenn es dann nicht geht, verfalle ich in Floskeln.

3. Für wen schreibst du?

Thilo: Für den neugierigen Hörer – oder den, der es werden will. Für Streithähne. Für Betriebsblinde. Für mich.

Hannah: Viel für mich selbst, für Menschen, die sich ohnehin dafür interessieren, für die Musiker und Konzertbesucher, für den Interviewpartner, für alle, die zufällig auf der Seite landen, für alle, die das Thema eigentlich Scheiße finden.

Anna. C:. In der Grundidee eigentlich für die Musiker. Uneigentlich für mich, um die Gedanken zu sortieren und zu verarbeiten, in der wachsenden Hoffnung, dass die Musiker es nicht lesen. Im Redigat in dem Bewusstsein, dass sie es doch tun werden.

Anna L.: Für mich und für alle, die es interessiert. Noch besser: Der Leser interessiert sich jetzt für das Thema, weil ich darüber geschrieben habe.

Robert: Nach Stockhausen: „Ich schreibe für Jedermann, aber nicht um jeden Preis.“

4. Glaubst du, du kannst über Musik urteilen?

Thilo: Nein. Aber ich glaube, ich kann meinen rein subjektiven Eindruck argumentativ und sachgemäß vertreten. Niemand muss etwas mögen oder hassen, weil ich es tue. Wichtig ist mir allein, dass mein Standpunkt verstanden wird.

Hannah: Mir geht es wie Thilo. Ich kann höchstens versuchen zu erklären, warum mir etwas gefallen hat oder nicht. Wenn das gelingt, und Leser verstehen, was ich meine, habe ich mein Ziel erreicht.

Anna C.: Ja, auf jeden Fall, weil ich es sowieso mache. Ich versuche nicht zu verurteilen, aber auch das passiert schnell. Wen mein Urteil interessieren sollte/könnte, warum und ob es überhaupt irgendwo reingehört, das sind die schwierigeren Fragen.

Anna L.: Ich finde „urteilen“ klingt ein bisschen streng. Im Gericht werden Urteile gefällt. Ist „bewerten“ das bessere Wort? Da denke ich an Schulnoten. Eher kann ich beschreiben, wie ich die Musik empfinde und wahrnehme.

Robert: Über Interpreten sehr wohl. Über Musik? Wozu denn?

5. Wieviel Erfahrung brauchen Kritiker?

Thilo: Immer mehr als er hat und weniger als man meint.

Hannah: Die schönsten Besprechungen schreiben manchmal Leute, die ein Stück zum allerersten Mal hören und noch nicht versaut sind durch standardreproduzierten Kritikersprech.

Anna C.: Vielleicht vor allem viel Erfahrung, selbst kritisiert zu werden? Das wäre doch ein schönes Format – Musiker kritisieren Kritiker.

Anna L.: Je mehr Erfahrung, desto besser! Allerdings sollte man nach all den Konzerten und geschrieben Seiten irgendwie frisch im Kopf bleiben.

Robert: So viel wie möglich. Im besten Fall selbst Musik machen, um die Leiden der jungen Interpreten zu verstehen.

6. Willst du die Jugend erreichen? Wie?

Thilo: Ja. Aber nicht zwanghaft. Ich bin schließlich Teil der „Jugend“, warum sollten sich Gleichaltrige also nicht auch von meinen Gedanken angesprochen fühlen?

Hannah: Ich weiß immer nicht, was mit „die Jugend“ gemeint ist. Tatsächlich ist mir das Alter derjenigen, deren Interesse ich für ein Thema wecken kann, ziemlich egal.

Anna C.: Ich schwimme lieber im Silbersee, da freut man sich so über meine eigene Jugend. Aber über jugendliche Mitschwimmer freue ich mich auch.

Anna L.: Kommt darauf an, wer die Jugend ist. Sind es die pubertären Jungs, die mir heute im Zug den letzten Nerv geraubt haben, kann ich mich nur der Frage anschließen: Wie?

Robert: Die Jugend zu erreichen ist sehr schwer, wenn zuvor kein Kontakt mit (klassischer) Musik stattgefunden hat. Bei jüngeren Kindern ist das vermutlich einfacher. Es muss auch viel von den Eltern kommen.

7. Glaubst du, du kannst mit deiner Arbeit die Welt verbessern?

Thilo: Ja, definitiv. Was aber nicht heißt, dass sie das zwingend auch tut.

Hannah: Ich glaube, Journalismus kann zur Entstehung und Eskalation von Konflikten beitragen. Genauso glaube ich, dass Journalismus zum Frieden in der Welt beitragen kann. Kulturjournalismus, zu dem der Musikjournalismus zählt, spielt da eine genauso wichtige Rolle, wie Journalismus über Politik. Also: Ja. Ich glaube, meine Arbeit kann ein Beitrag zum Frieden und zum reflektierten Denken in dieser Welt sein.

Anna C.: Das finde ich zu dick aufgetragen, da gibt es einfachere Wege als Musikjournalismus. Bestimmt ist es irgendwie möglich, aber ich glaube, dass ein Großteil unserer Arbeit kaum bzw. keine einsehbaren Einfluss auf eine „bessere Welt“ hat.

Anna L.: Unsere Arbeit ist wichtig, keine Frage. Aber die Welt verbessern? I don’t know.

Robert: Musik ist etwas, das tief in der Sozialisation und damit im einzelnen Menschen verwurzelt ist. Und Musikjournalismus gehört zur Musik dazu wie das Musikmachen selbst. Daher lautet die Antwort für mich eindeutig ja.

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Ein fragendes Akademie-Überbleibsel

von Hannah Schmidt

Es waren zwei Fragen, mit denen wir Mitte April in Heidelberg bei der Musikjournalisten-Akademie begrüßt wurden, in dem zwar kleinen aber prunkvoll eingerichteten Zimmer mit den hohen Decken und den goldgrünen Mustertapeten. Mit Blick auf den Neckar. Unausgeschlafen. Bei Filterkaffee und Kondensmilch: Was will Musikjournalismus eigentlich? Warum mache ich das alles hier? Stille.

Ich muss zugeben, dass ich die Fragen schon ein paar Tage vorher befürchtet hatte. Klar, man bewirbt sich für eine Musikjournalisten-Schreibschule, weil man Lust auf Musik hat, weil man für sich weiß, dass man über Musik schreiben und schreiben lernen will, weil man erfahren will, was noch alles gehen kann innerhalb dieser übermütigen Kombination: Sprache über Musik, Worte über Wortloses, Buchstaben über Klänge. Und dann sitzt man in einer Runde von Leuten, die alle aus sehr ähnlichen Gründen nach Heidelberg gekommen sind, und wird gefragt: Warum macht ihr das alles eigentlich? Und: Warum glaubt ihr, dass es jemanden außer euch selbst interessieren sollte?

Antwort: unbefriedigend

Zwar haben wir alle irgendwas geantwortet, und die Antworten waren zum großen Teil sehr wahr. Dennoch: Die Frage und meine Antwort darauf haben mich unbefriedigt zurück gelassen. Für wen mache ich das alles eigentlich, CD-Besprechungen, Künstlerportraits, Ankündigungen, Konzertrezensionen? Ich möchte mich hiermit gerne ein zweites Mal an einer für mich schlüssigen Antwort versuchen.

Ja, ich schreibe für die Künstler, was für sie ein wichtiges Feedback sein kann. Ich schreibe für die Leute, die da waren, im Konzert, und die gerne so etwas wie eine „Wahrheit“ oder Bestätigung über das Gehörte erfahren möchten. Ich schreibe für die, die nicht da waren und sich ein Bild machen möchten von dem Abend. Und ich schreibe für mich selbst, die ich nicht länger sprachlos sein möchte, wenn es darum geht, Musik und ihre Wirkung auf mich zu beschreiben.

Aber warum braucht die Welt das? Warum soll man ihr beschreiben, was in einem selbst vorgeht? Warum soll man über vergangene Konzerte berichten, die nie, nie wieder in dieser Art und Weise stattfinden werden? Warum sich über einen einfallslosen Spielplan echauffieren? Warum über schiefe Töne und so etwas Vages wie „fehlenden musikalischen Ausdruck“?

Versuch 1: der Rattenfänger

Unsere Akademie-Leiterin bot uns als ihre Antwort ein Bild aus einer Sage an: Sie sehe sich als Rattenfänger von Hameln – der Mensch, der Flöte spielt, und alle Kinder folgen ihm. Sie sagte, sie sehe es unter anderem als ihre Aufgabe, Menschen, die sich als „unmusikalisch“, unkultiviert oder sonst uninteressiert an „klassischer“ Musik empfinden und zeigen, dafür zu begeistern. Ihnen zu zeigen: Das hier ist wichtig. Es ist interessant. Es ist relevant. Es geht uns alle an. Die Kinder, die der Musik des Rattenfängers aus der Stadt folgen, sind die Menschen, die den Musikjournalisten aus der reinen Musik-Konsumentenhaltung heraus in ein Nachdenken über Musik folgen – oder so ähnlich.

Das war ein Bild, das mich nachdenklich gemacht hat. Es ist ambitioniert und ganz treffend – ein bisschen hinkt es, wie jeder gut gemeinte Vergleich –, aber es transportierte für mich zunächst eine Wertung, die mir nicht so gut gefiel: Es implizierte für mich das Urteil, Musik „unbedacht“ und ohne höhere Ambitionen zu „konsumieren“, sei nur die halbe Wahrheit und weniger wert als eine die Aufführung, den Apparat, das „Werk“ stets hinterfragende Haltung.

Und dass genau das unsere ganze Gruppe spaltete, zeigte sich in der Diskussion danach: Darf sich „Frau Meier von nebenan“ bei einem Beethoven-Konzert entspannen? Oder sollte sie, falls sie das vorhat, nicht lieber gleich zu Hause bleiben? Welche Haltung verlangt die Musik von ihren Hörern? Verlangt sie überhaupt eine Haltung, kann sie das überhaupt? Ist „klassische“ Musik etwas, das an mich Erwartungen stellt, denen ich gerecht werden muss, indem ich in der Pause schlaue Gespräche über die Intonation der ersten Geigen, das etwas zu spätromantische Dirigat oder den musikalischen Ausdruck des ersten Klarinettisten führe? Meine Meinung: Nein.

Versuch 2: Ansprüchen gerecht werden

„Klassische“ Musik oder auch jede andere Musik an sich stellt an ihre Hörer keine Ansprüche. Die Musik hat keinen Zeigefinger und keine herausfordernd hochgezogenen Augenbrauen, die meinen: „Bilde dich, dann bist du es wert, mich zu genießen!“ Auch nicht, wenn der Komponist es genau so gesagt haben sollte. Denn die Musik ist, sie wird, und sie geht zu Ende mit dem ausklingenden Applaus.

Ich selbst bin es jedoch, die anhand dieser Musik Ansprüche an mich stellt, denn die Musik und ihre Aufführung lösen etwas in mir aus, etwas, das ganz, ganz subjektiv ist und ganz, ganz subjektiv mit meinen persönlichen Erwartungen und Erfahrungen, meinem Wissen (meinetwegen analytischer Art und davon, was wir glauben über die „Intention“ des Komponisten zu wissen), meinem Charakter, meiner Denkart und meinen ästhetischen Vorstellungen zu hat. Jedes Reflektieren über ein Konzerterlebnis ist so immer auch ein Reflektieren über mich selbst und über meinen Blick auf die Welt und auf die Kunst.

Was spannend ist: Es passiert manchmal, dass Menschen im Konzert die gleichen Erfahrungen machen, mit ähnlichen Empfindungen den Saal verlassen und mit ähnlichen Worten darüber sprechen möchten. Das liegt nicht nur an der Musik, sondern auch daran, dass viele Menschen, die hier leben, sehr ähnlich sozialisiert sind. Solche Erfahrungen verbinden. Sie machen, dass wir uns als Teil einer Gemeinschaft fühlen, und betont sei hier der Wortteil gemein – denn sich in oder über etwas gemein sein kann sich erstrecken auf ganz viele Faktoren.

Versuch 3: Gemeinschaft des Nachdenkens über Musik

Was wir als Musikjournalisten oder der Mensch in der Sage als „Rattenfänger“ also am Ende tun, ist, eine Gemeinschaft des Nachdenkens über Musik zu schaffen. Um zu meiner befürchteten implizierten Kritik an Nicht-„Mitläufern“ dieser Gemeinschaft zurück zu kommen: Das bedeutet nicht, dass „Frau Meier von nebenan“ nicht Beethoven zur Entspannung hören kann und auch ausdrücklich darf. Beethovens Musik verliert dadurch nicht an Wert, ganz im Gegenteil: Sie beweist ihren Wert auf einer zusätzlichen Ebene, und das macht sie reicher.

Am Ende wird gerade „klassische“ Musik dadurch zu einer für mich so besonderen Musik: Weil sie sich dem Hörer von einer völlig neuen Seite präsentieren kann, wenn dieser anfängt, anders über sie nachzudenken. Es stecken nicht nur temporäres Ideengut und momentane Kreativität des Komponisten in der Musik, sondern gleichzeitig die durch unfassbar viele Faktoren beeinflusste Interpretation des oder der Musiker, dazu Intention, Handwerk und der Umgang mit Traditionen.

Es fließen in jeder Bach-, Beethoven-, Mahler-, Andriessen- und Nono-Aufführung Jahrhunderte von Kulturgeschichte und Menschheitsgeschichte ineinander, da steckt die Entwicklung von Ästhetik drin, von Hörgewohnheit und Sozialisation, darin stecken Persönlichkeit, viele, viele Gedanken und lange gelernte Fertigkeiten, da steckt Gesellschaft drin, Zeitgeschichte und Politik. Einen direkteren Draht zu unserer Entwicklung als Menschen, zu allem Gewesenen und allem, zu dem wir noch fähig sind, gibt es kaum. Und das geht uns alle an, jeden Einzelnen im Konzertsaal, der sich in diesem Moment befindet inmitten strömender und pulsierender Geschichte, die mit jeder Note und jeder Reaktion darauf reißend weitergetrieben wird. Und wir machen, dass die Welt davon erfährt.

Fazit: Teil der Kulturgeschichte

Ein bisschen sind wir also Chronisten im Dienste derer, die uns die immer wieder aufs Neue zu Musik werdenden Partituren hinterlassen haben, ein bisschen sind wir das kollektive Gehirn derer, die dabei waren und darüber nachdenken, und ein bisschen sind wir Galeristen, die den Künstlern durch Einordnung und Kommentierung neue Blicke auf das ermöglichen, was sie mitteilen wollten und mitgeteilt haben.

Wir verbinden alles zu einer Einheit und machen es zu einem möglichst greifbaren Element der Kulturgeschichte. Da sind auch der Vermerk auf ein für uns unbefriedigendes Konzert oder eine zu schmalzige CD-Aufnahme wichtig, genau wie die Darstellung des Lebens und der Ansichten des Solisten oder des zweiten Geigers, des Dirigenten oder Festspieldirektors, genau wie Werkbetrachtungen und Rezeptionsgeschichte, zu der wir unseren Teil beitragen,  indem wir die Welt an unseren Gedanken teilhaben lassen.

Und indem wir uns immer und immer wieder die Frage stellen, warum unsere Arbeit wichtig ist – und zuallererst warum sie uns wichtig ist.