Gedanken über Kürze und Würze und Musik

von Hannah Schmidt

Ich will zu viel Platz. Im Zug, in meiner Wohnung, beim Kofferpacken. Und beim Schreiben. 6000 Zeichen, heißt es, 400 Zeilen oder „zweispaltig blatthoch, mehr nicht“. Kamikazeartig ziehe ich auf eigene Faust Bildboxen auf der ungedruckten Seite unter oder über meinem Text kleiner, verkleinere Schriftarten, kürze Zwischenzeilen heraus, damit dieser eine Satz noch reinpasst, irgendwie.

Ich gehe in ein zweistündiges Konzert oder in eine vierstündige Oper und habe nachher 80 Zeilen für alles, was ich danach loswerden will. Ich spreche mit Dirigenten und Musikern über ihre ästhetischen Vorstellungen und kriege 6000 Zeichen. Das tut weh. Das Argument im Print kann ich noch verstehen: „Zu morgen haben wir neun Seiten und halbseitige Anzeigen auf der Eins, der Drei und der Vier.“ Es gibt ein festes Layout und mindestens zwei Themen pro Seite. Dazu Notizen und Meldungen. Ein „tragendes“ Bild muss auch drauf sein. Okay. Ich kann mir das vorstellen, weil man nachher die Zeitung in der Hand hält. Beim Halten werden irgendwann die Arme lahm. Es gibt rein physisch gesehen nur begrenzt Platz.

Platz für ganze Bücher

Online kann ich ganze Bücher auf einer Webseite darstellen. Mit Bildern und Videos und Audios und verrückten interaktiven Grafiken. Platz gibt es unendlich. Trotzdem begrenzt man sich. Das Argument hier: „Der Leser“, so heißt es, „verweilt“ nur durchschnittlich soundsolange auf einem Text. Was ist das denn für ein Ansatz? Wir produzieren immer kürzere und zerpflücktere Texte, immer mehr kurze Videos und Fotoslider, mit denen wir den Textfluss zerreißen, anstelle von Buchstaben, immer mehr Links und anklickbare Querverweise pro Satz – und messen natürlich eine immer kürzer werdende Aufmerksamkeit bei „dem Leser“.

Das ist ein bisschen wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei – aber ich vermute, der „Kürze und Würze“-Wahn trägt zu dem immer unaufmerksameren Leseverhalten bei. Ja, es ist fordernd, einen langen Text zu lesen, es ist auch anstrengend, ein dickes und schweres Buch zu lesen oder sich eine Sinfonie oder den ganzen „Ring“ anzuhören und anzusehen. Wer hat noch nie in der Oper geschnauft und heimlich auf die Uhr geguckt? Das sind Längen, die aber Musik als Zeit-Kunst und Text als Zeit-Gattung mit sich bringen. Längen, für die aber „der Leser“ keine Zeit mehr hat. Und Längen, die wir von „dem Leser“ nicht mehr fordern – oder nur in Ausnahmefällen.

Wer oder was ist „der Leser“?

Ich habe den Begriff „der Leser“ hier immer in Anführungsstriche gesetzt. Weil ich glaube, dass es „den Leser“ nicht gibt. Ich würde gerne noch diesen einen Satz oder diesen zusätzlichen Absatz im Text lassen, für den Leser nämlich, der ihn trotzdem liest. Das ist idealistisch. Aber ich möchte nicht einer negativen Entwicklung in der Leser-Welt noch Feuer geben, indem ich mich ihr füge.

Was natürlich nicht heißt, dass nicht viele Texte, die ich in die Welt verbreiten wollte, dadurch sogar gewonnen haben, dass sie gekürzt wurden. Und sicherlich ist die Reduzierung eines Textes um einen oder zwei Gedanken den zusätzlichen Leser wert, der bis zum Ende dabeibleibt. Doch bis sich in mir irgendwann nichts mehr sträuben wird gegen das Credo „Wir müssen uns den Gewohnheiten der Leser anpassen“, wird noch viel Zeit vergehen, glaube ich, viel Erfahrung passieren, viel gekürzt werden und ja – das wird anstrengend.

 

 

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