Musik an – und jetzt?

Von Sophie Emilie Beha

Musik hören ist einfach. Musik an, Ohren auf, fertig. Wirklich, das war’s? Obwohl wir ständig von Musik umgeben sind und ihr zuhören, quasi unser tägliches Brot, frage ich mich doch wie das funktioniert. Wie hört man „richtig“ zu? Schließlich müssen wir es ja können, wenn wir über sie urteilen wollen.

Problem 1: Wieso, weshalb, warum?

Zuerst einmal muss die Maxime differenziert werden. Höre ich Musik, weil ich über ihre Qualität ein Urteil fällen will? Oder aus Lust oder Interesse an ihr, weil ich die Interpretation oder die Künstlerin mag oder Entspannung suche?

Laut der Musikvermittlerin Barbara Balba Weber ist die klassische Musikwelt bis heute noch von einer Kategorisierung der Nachkriegszeit geprägt. Danach teilen sich die Hörer in Experten und Ungebildete auf. Die Einen hören Musik um der Struktur willen, die Anderen wegen den Emotionen, die dabei in ihnen ausgelöst werden. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass sich das so einfach definieren und erklären lässt.

Problem 2: Hirn an

Musik ist nicht nur die flüchtigste aller Künste, sondern auch unendlich komplex. Das ist keine Neuheit. Aber deshalb brüten wir über Autographen, vergraben unsere Köpfe in musiktheoretischen Schriften, studieren die Geschichte und musikalische Struktur, philosophieren über das politische und soziale Umfeld. Alles, um den Grund für ihre Kraft zu finden. Doch gelingt das? Manchmal habe ich das Gefühl, je mehr wir wissen, desto weniger einfach ist die Musik. Je mehr ich versuche sie durch ratio zu begreifen, desto mehr entzieht sich ihre Gesamtheit und Magie. Übrig bleiben einzelne Noten in einem Käfig von tonalen Beziehungen. Das Wissen über Musik kann also den Hörspaß beeinträchtigen, es kann ihn aber auch fördern oder kaltlassen.

Problem 3: All these feelings

Drehen wir den Spieß um: Wir schalten den Kopf aus und konzentrieren uns rein auf die inneren Empfindungen. Können wir nun mitfühlen, ohne dabei das Musikstück selbst, den Rahmen, zu vergessen? Kann es sein, dass wir die Musik mit unseren Emotionen übermalen und verdrängen?

Ein Vorschlag

Musikpsychologe Andreas C. Lehmann wagt eine steile These: „Man kann allgemeiner vermuten, dass die Ablehnung einer bestimmten Musik aufgrund fehlender Kategoriesysteme, unzureichend ausgebildeter kognitiver Werkzeuge zur angemessenen Verarbeitung, falscher Wahrnehmungserwartungen oder wegen misslungener Funktionalisierung des Gehörten erfolgt.“ Können wir Musik nicht auch aus anderen Gründen ablehnen? Weil sie uns nervt oder banal erscheint, weil wir mit ihr etwas assoziieren, das in uns Unbehagen auslöst?

Vielleicht ist das, was uns fehlt die Geduld. Mit uns und mit der Musik. Wenn wir uns zu sehr auf das „richtige“ Hören versteifen, ist die Musik schneller weg, als sie erklingt. Trotzdem sollten wir akzeptieren, das sich nicht jedes Werk beim ersten Hören in seiner Gänze erfassen lässt.

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