Gleich neben dem Tod

von Roman Lüttin

Gustav Mahlers Musik ist von Widersprüchen durchzogen. Eine gute Interpretation arbeitet diese heraus – Gustavo Dudamel wählte in Berlin dafür einen besonderen Weg.

Seit zehn Jahren gastiert der Venezolaner regelmäßig bei den Berliner Philharmonikern – mal mit Mozart, Schubert und Beethoven, mal mit Adams und Strawinsky. Das Orchester hat ihn nun auserwählt: Dudamel führt das momentan chefdirigentenlose Orchester im November durch China, Thailand und Tawain. Die Tourprogramme gab es vorab bereits in Berlin zu hören. Es standen zunächst Bernsteins Divertimento for Orchestra und Mahlers Fünfte Sinfonie auf dem Programm. In der Woche darauf gab es wieder Bernstein zu hören, diesmal dessen Erste Sinfonie, und Schostakowitschs Fünfte.

Und wie klingt das so, Dudamel und Mahler?

Zu Beginn: recht nüchtern. In seiner Fünften drückt Mahler zwei Seiten des Leidens aus. Auf der einen Seite steht die Wucht und Radikalität der Klänge in einer schwer greifbaren Form, auf der anderen eine neue Intimität, voll von Elegie – Mahler hat damit die Wunderhorn-Sinfonien endgültig hinter sich gelassen. Dudamel will sich aber noch nicht für eine der Seiten entscheiden. In der ersten Abteilung wirkt er in sich gekehrt, er organisiert mehr, als dass er interpretiert. Und doch überzeugt das Orchester, „mit größter Vehemenz“, wie es die Partitur fordert, knallen die Bässe, die Pauken und die Trompeten – bis zum bittersüßen Schlusschoral. Hier entlockt Dudamel dem Bläsersatz ungeahnt warme Klangfarben – und Orchester und Dirigent beginnen sich offenbar wohl zu fühlen.

Eine der mitunter größten Schwierigkeiten bei der Interpretation des Scherzos ist es, einen durchgehend musikalischen Bogen zu erschaffen und aufrecht zu erhalten. Denn wenn Untergründe unter derselben Oberfläche ständig und fließend wechseln, wird auch der Kern der Oberfläche nie greifbar. Dudamel jedoch kennt die Schwierigkeiten und beherrscht das Handwerk, er arbeitet verborgene Stimmverläufe heraus, betont vor allem harmonische Progressionen. Er verbindet die vertrackte Kontrapunktik mit feinsinniger Emphase. Die Erhabenheit der Blechbläser wirkt seltsam vertraut. Bemerkenswert präzise differenziert er dann die Dynamiken und er baut einen Klangkosmos auf, über den die Solisten nur zu schweben brauchen – allen voran Stefan Dohr und Wenzel Fuchs.

© Stephan Rabold

Im magisch-melancholisch anmutenden Adagietto nimmt Dudamel sich sehr zurück. Beinahe kammermusikalisch überlässt er die Organisation den beiden Konzertmeistern, Daishin Kashimoto und Daniel Stabrawa. Im Finale lässt Dudamel dann viel laufen, doch keinesfalls unkontrolliert: Er vertraut den Musiker*innen blind, und dieser Vorschuss zahlt sich aus: Die Bass- und Violoncellogruppen werden zum Antrieb einer unnachgiebigen Maschinerie, die die verkopfte und wuchtig-schwere Form überwindet, hinter sich lässt, und vordringt zum wirklichen Kern der Mahlerschen Musik:

„Ein Schmerz an der Schönheit und der Hässlichkeit der Welt. Das Allerherrlichste wohnt bei ihm direkt neben dem Allerscheußlichsten, die Liebe neben dem Wahnsinn, und der gleich neben dem Tod.“ (Jürgen Otten)

Die Zusammenarbeit zwischen Dudamel und dem Orchester ist eine glückliche, zumindest an jenem Freitagabend. Denn so spät es die beeindruckten Zuhörenden auch bemerken sollten – in dieser Interpretation ging es um Konsequenz.

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