Wie die Hobbits im Auenland

von Simeon Holub

Un, deux – un, deux, troi. Erinnerungen an meine Grundschulzeit nahe der französischen Grenze werden wach. Meine heutige Lehrerin habe ich jedoch gerade erst zufällig kennengelernt und bin ihr schon gefühlte hundert mal – excusez moi – auf die Füße getreten. Und eigentlich ist sie auch gar keine Tanzlehrerin, sondern privat hier auf dem französischen Volks-Tanzfest Fest-noz in den Gärten der Kathedrale von Quimper, Frankreich. Doch die Frau mittleren Alters hat mit ihrer strengen Art und ihrer nicht weniger strengen Frisur hervorragend in ihre Rolle gefunden. „Non, regarde là“ schimpft sie mit mir und deutet auf meine Füße.

Von außen sah der Kreistanz so lustig und heiter aus. Hier drinnen ist die Stimmung eher kochend, wie beim Frühlingsopfer im Sacre du Printemps – und ich bin das Opfer. Begleitet von Schalmei, Dudelsack, Gitarre und Akkordeon beschwört die bretonische Sängerin Laute, die nicht gerade frankophon klingen. Wo bin ich hier eigentlich gelandet?

Den kleinen Finger bei den jeweiligen Nachbarn eingehakt drehen wir uns fortlaufend im Kreis. Vielleicht hat J. R. R. Tolkien hier seine Inspiration für die Hobbits im Auenland gefunden. Und endlich – irgendwann geschieht es doch noch: Ich werde selbst zum drolligen Hobbit und tanze.

So frustrierend der Anfang auch war, die Mühe hat sich gelohnt. Allmählich verstehe ich die Bekannten, die mir Woche um Woche erzählten, sie wären auch um halb drei nachts noch längst nicht müde vom Fest-noz. Denn hier vergisst man einfach die Zeit.

Die Tänze variieren ebenso schnell wie die Bandbesetzung, bis am Ende nur noch ein Dudelsack-Duo übrig bleibt, das unaufhörlich um die Wette plärrt. Anfangs noch erstaunt vom ungewöhnlichen Klang, habe ich mit zunehmender Uhrzeit Sorge um die Ruhestörung der Nachbarn. Doch als immaterielles Kulturerbe hat sich diese nächtliche Tanzveranstaltung in der Bretagne schon längst etabliert und wahrscheinlich sind die Anlieger selbst anwesend. Zumindest ist hier jeder willkommen.

So treffen Punks mit schwarzen Nietengürteln auf betagte Damen im hohen Alter. Alles kein Problem, Hauptsache du trinkst den Cidre aus der Keramiktasse (ehrlich!) und hältst dabei trotzdem noch den Takt: un, deux – un, deux, troi. 

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