Küsschen von Khatia

Mitteldeutschland ist kein Klavierschlaraffenland. Der Klavierabend, einst eine sichere Bank, um die Säle zu füllen, ist für Konzertveranstalter hierzulande zum echten Sorgenkind geworden. Gegen die Publikumsmagneten Musiktheater (Semperoper Dresden) und Sinfoniekonzert (Gewandhaus Leipzig) kommt das Klavierrezital einfach nicht an, nicht in relativen Besucherzahlen und in absoluten schon gar nicht (wobei es dem Lieder- oder Kammermusikabend nicht anders ergeht).

Fürwahr ein beklagenswerter Zustand, an dem sich etwas ändern muss. Dachte sich zuletzt auch DresdenMusik, eine Marke der in München ansässigen Konzertagentur Alegria GmbH. Mit „Pianissimo“, einer in dieser Saison gestarteten Klavierreihe, soll alles besser werden. Dafür spricht zum einen die hippe Location – der 2017 wiedereröffnete, zentral gelegene Kulturpalast als stadtarchitektonisches Schmuckstück – als auch das Staraufgebot, das man sich an die Elbe holt. Mit Igor Levit, Daniel Barenboim und Grigory Sokolov wurde die klavierspielende Elite verpflichtet – entsprechend elitär gestaltete sich bei Barenboims Beethoven-Abend im Oktober auch die Auspreisung, mit satten 119 Euro in der Spitze. Ordentlich gefüllt war der Kulturpalast damals trotzdem, genau wie bei Igor Levit im November, obwohl die Auftritte beider Herren auf einen Wochentag fielen. Mehr Klavierfreunde kamen da erwartungsgemäß zu Khatia Buniatishvilis Darbietungen am vergangenen Samstag. Auf dem Programm standen Schuberts große B-Dur-Sonate, nach der Pause einige seiner Lieder in der Transkription von Franz Liszt und als Rausschmeißer dessen sechste Rhapsodie – die mit den berühmt-berüchtigten Oktavrepetitionen. Na denn!

Schuberts Sonaten-Schwanengesang geht die 31-jährige Georgierin sehr gemessen an, im Tempo an der Untergrenze und in der Artikulation mit einem unüberhörbaren Hang zur Weichzeichnung. Kann man so machen, führt gelegentlich auch zu aparten Klangmischungen, wenn Farbtöne wie einem Aquarell ineinanderfließen. Viel mehr ist es aber leider nicht. Was Schubert mit dem riesenhaften Kopfsatz erzählen will – Buniatishvili findet in den zwanzig Minuten, die sie sich dafür Zeit lässt, keine schlüssige Antwort.

Genauso der zweite Satz, der, vom Andante sostenuto ins Larghissimo heruntergefahren, zur rhythmusbefreiten Klangmediation gerät, immer kurz davor, auf einer Pedalwolke davon zu schweben. Auch hier gilt: Kann man so machen, wenn denn klar bleibt, wo die Reise hingehen soll. Tut es aber nicht: In den Sätzen drei und vier, wo zumindest das Tempo stimmt, plätschert das Laufwerk und pappsättigt vordergründige Melodienschönheit. Dafür gibt’s zur Pause schon viel Applaus und Kusshände von Khatia.

Hälfte zwei erfordert dann eine ganz andere pianistische Betriebstemperatur. Nach dem „Ständchen“ und „Gretchen am Spinnrade“, geht’s im Drei-Personen-Drama des „Erlkönigs“ von Beginn an zur Sache. Da können im Oktavgewitter schon mal ein paar Töne danebengehen. Fehlgriffe sind im Eifer des Gefechts auch in der „Mazeppa“-Etüde verzeihlich, mangelnde Vorbereitung ist es allerdings nicht. Ein Eindruck, über den auch nicht mehr hinwegtäuschen kann, dass in der sechsten Ungarischen Rhapsodie das Schlussfeuerwerk halbwegs zündet. Viel Applaus, Mondlicht von Debussy und noch mehr Kusshände von Khatia.

Kampf den Konventionen?

Das Leipziger Gewandhaus veranstaltet seit über zehn Jahren die „Audio Invasion“, das DSO Berlin etwa genauso lange die Reihe der „Casual Concerts“. Große Orchester haben in den letzten Jahren alternative Veranstaltungsformate initiiert, auch und vor allem um junges Publikum in ihre Häuser zu bekommen. „Klassik kann auch hip sein“, so lautet die Devise. Aber offenbar nur in flippigem Licht, loungiger Atmosphäre und mit tanzbaren Beats im Anschluss. Denn diese drei Komponenten gehören, das fällt auf, zu beinahe jedem der „neuen“ Formate. Auch beim Veranstaltungsformat Klangrausch geht es um die drei Komponenten Musik, Licht und Raum. Sie sollen symbiotisch ineinander aufgehen, ein unkonventionelles Setting und neue Atmosphären schaffen – kurzum: neue Zugänge zu Musik ermöglichen.

2014 startete Klangrausch in Saarbrücken als Veranstaltungsreihe mit denkbar einfachem Konzept: In WGs wird Kammermusik gespielt, es gibt billiges Bier und anschließend eine Party mit DJ. Viel Musik für wenig Geld, Musik von jungen Leuten – Studierenden der Hochschule für Musik Saar – wird gemacht für junge Leute. 2015 kam das Konzept dann nach Weimar, 2018 folgten Koblenz und Mannheim. Das Format hat sich in den Städten etabliert, mit der Vereinsgründung des Klangrausch Deutschland jüngst auch institutionalisiert. In Weimar wurde Klangrausch schnell zu groß für den WG-Kontext, etwa 400 Leute kommen zu jedem Event. Anfang Februar fand nun die inzwischen achte Auflage in Weimar statt.

Im Kesselsaal des E-Werks sind Sessel und Teppiche verteilt, es herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Das Licht ist gedämpft und vereinzelt streifen farbige Spots durch den Saal. Vor dem ersten Act gibt es eine Klanginstallation, und um 21:00 Uhr geht es im beinahe überfüllten Saal los, mit Katchaturjans Klarinettentrio. Darauf folgen zeitgenössische Musik für ein Akkordeonduo, Scarlatti und Mendelssohn am Klavier, ein Tango für Streichquintett und ein spätromantisches Trio für Bratsche, Oboe und Klavier. In den Pausen zwischen den Stücken herrscht reger Barbetrieb und es bleibt Zeit für eine Zigarette, einen Gang zur Toilette oder ein kurzes Gespräch. Licht soll an diesem Abend als zweites Medium neben der Musik stehen, sie unterstützen, hinterfragen und auch diskutieren. Das Konzept funktioniert gut – doch weil die Lichtprojektion so konsequent Formverläufe und Spannungsbögen der Musik nachzuzeichnen versucht, haftet der Sache nach dem dritten Ensemble auch ein gewisser Störfaktor an. Geradezu omnipräsent schwebt die Projektion über dem Flügel, um den das Publikum sich traubenartig gedrängt hat. Sie bestimmt die Atmosphäre im Raum, und lenkt streckenweise leider auch von der Musik ab.

© Klangrausch Weimar

Jede*r hört Musik mit anderen Ohren, unterschiedlichen Erfahrungen und Voraussetzungen. Die Breite des musikalischen Panoramas an diesem Abend schätzen Klassikkenner und Neulinge gleichermaßen. Die positive Resonanz des Publikums zeichnet sich bereits nach dem Auftritt des ersten Ensembles ab, die Studierenden der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar sind mehr als gut vorbereitet. Als zusätzlicher Ansporn mag gegolten haben, Musik nicht nur vor einem fachfremden Publikum zu spielen, sondern sie auch zu vermitteln. Die Musiker*innen erarbeiten bei Klangrausch eine Kompetenz, die in den Lehrplänen deutscher Musikhochschulen seit Jahrzehnten immer nur klein geschrieben steht: Die Vermittlung der eigenen Kunst, das konkrete Sprechen über Musik und ihre eigene Interpretation – das wirkt nahbar, gleichzeitig öffnet und lenkt es die Ohren des Publikums bereits auf bestimmte Facetten der Musik.

Aber nicht jedes Ensemble spricht über seine Musik, niemand wird gezwungen. Klangrausch möchte dem Publikum und den Interpret*innen keine Regeln aufbürden. Doch trotz des unkonventionellen Settings schleichen sich alte Konzertkonventionen auf die Veranstaltung. Es gibt einige Besucher, die den Abend am liebsten als normales Kammermusikkonzert genießen möchten– nur eben nicht im Konzertsaal, sondern im bequemen Sessel. Am besten ohne klirrende Flaschen, am besten ohne Applaus zwischen den Sonatensätzen und am besten ohne genuschelte Kommentare des Sitznachbarn. Dabei geht es auch um Grundsätzliches: Um Respekt vor den Interpret*innen und vor der Wirkung von Musik. Unausgesprochen, aber offensichtlich spaltet diese Frage das Publikum: Wieviel Konvention tut einer Konzertkultur gut, wieviel ertragen wir?

Den feinen Zwist zwischen denen, die das Angebot des möglichst konventionsfreien Raumes annehmen möchten und denen, die Klangrausch gerne besuchen, aber Mendelssohn eigentlich nur in absoluter Stille und ohne Lichtprojektionen genießen können, wird es immer geben. Der egalitäre Anspruch des Formats ist jedoch erstrebens- und erhaltenswert. Spätestens als die Party dann gegen 01:00 Uhr in die Gänge kommt, zeigt sich, dass Klangrausch praktikable Kombinationsmöglichkeiten zwischen klassischer Musik und Clubkultur aufzeigt und dabei verschiedene Zielgruppen zusammenbringt. Das letztendliche Potential des Formats liegt sicherlich mitunter darin, den Zugang zur Klassik weiter zu begreifen – in diesem Fall durch einen intermedialen Fokus –, als es der konventionelle Markt aktuell noch tut. Fest steht: Kein neues Format kann nur darauf abzielen, Klassik in ihrem Status Quo in ein neues Setting zu bringen. Ziel muss es sein, im neuen Setting – egal ob in der Scheune oder im Schwimmbad  – Rezipierende und Interpretierende miteinander ins Gespräch zu bringen und so die Ausgangslage und Zukunft der klassischen Musik und ihre Konventionen neu zu verhandeln. Klangrausch ist dabei.