Kampf den Konventionen?

Das Leipziger Gewandhaus veranstaltet seit über zehn Jahren die „Audio Invasion“, das DSO Berlin etwa genauso lange die Reihe der „Casual Concerts“. Große Orchester haben in den letzten Jahren alternative Veranstaltungsformate initiiert, auch und vor allem um junges Publikum in ihre Häuser zu bekommen. „Klassik kann auch hip sein“, so lautet die Devise. Aber offenbar nur in flippigem Licht, loungiger Atmosphäre und mit tanzbaren Beats im Anschluss. Denn diese drei Komponenten gehören, das fällt auf, zu beinahe jedem der „neuen“ Formate. Auch beim Veranstaltungsformat Klangrausch geht es um die drei Komponenten Musik, Licht und Raum. Sie sollen symbiotisch ineinander aufgehen, ein unkonventionelles Setting und neue Atmosphären schaffen – kurzum: neue Zugänge zu Musik ermöglichen.

2014 startete Klangrausch in Saarbrücken als Veranstaltungsreihe mit denkbar einfachem Konzept: In WGs wird Kammermusik gespielt, es gibt billiges Bier und anschließend eine Party mit DJ. Viel Musik für wenig Geld, Musik von jungen Leuten – Studierenden der Hochschule für Musik Saar – wird gemacht für junge Leute. 2015 kam das Konzept dann nach Weimar, 2018 folgten Koblenz und Mannheim. Das Format hat sich in den Städten etabliert, mit der Vereinsgründung des Klangrausch Deutschland jüngst auch institutionalisiert. In Weimar wurde Klangrausch schnell zu groß für den WG-Kontext, etwa 400 Leute kommen zu jedem Event. Anfang Februar fand nun die inzwischen achte Auflage in Weimar statt.

Im Kesselsaal des E-Werks sind Sessel und Teppiche verteilt, es herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Das Licht ist gedämpft und vereinzelt streifen farbige Spots durch den Saal. Vor dem ersten Act gibt es eine Klanginstallation, und um 21:00 Uhr geht es im beinahe überfüllten Saal los, mit Katchaturjans Klarinettentrio. Darauf folgen zeitgenössische Musik für ein Akkordeonduo, Scarlatti und Mendelssohn am Klavier, ein Tango für Streichquintett und ein spätromantisches Trio für Bratsche, Oboe und Klavier. In den Pausen zwischen den Stücken herrscht reger Barbetrieb und es bleibt Zeit für eine Zigarette, einen Gang zur Toilette oder ein kurzes Gespräch. Licht soll an diesem Abend als zweites Medium neben der Musik stehen, sie unterstützen, hinterfragen und auch diskutieren. Das Konzept funktioniert gut – doch weil die Lichtprojektion so konsequent Formverläufe und Spannungsbögen der Musik nachzuzeichnen versucht, haftet der Sache nach dem dritten Ensemble auch ein gewisser Störfaktor an. Geradezu omnipräsent schwebt die Projektion über dem Flügel, um den das Publikum sich traubenartig gedrängt hat. Sie bestimmt die Atmosphäre im Raum, und lenkt streckenweise leider auch von der Musik ab.

© Klangrausch Weimar

Jede*r hört Musik mit anderen Ohren, unterschiedlichen Erfahrungen und Voraussetzungen. Die Breite des musikalischen Panoramas an diesem Abend schätzen Klassikkenner und Neulinge gleichermaßen. Die positive Resonanz des Publikums zeichnet sich bereits nach dem Auftritt des ersten Ensembles ab, die Studierenden der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar sind mehr als gut vorbereitet. Als zusätzlicher Ansporn mag gegolten haben, Musik nicht nur vor einem fachfremden Publikum zu spielen, sondern sie auch zu vermitteln. Die Musiker*innen erarbeiten bei Klangrausch eine Kompetenz, die in den Lehrplänen deutscher Musikhochschulen seit Jahrzehnten immer nur klein geschrieben steht: Die Vermittlung der eigenen Kunst, das konkrete Sprechen über Musik und ihre eigene Interpretation – das wirkt nahbar, gleichzeitig öffnet und lenkt es die Ohren des Publikums bereits auf bestimmte Facetten der Musik.

Aber nicht jedes Ensemble spricht über seine Musik, niemand wird gezwungen. Klangrausch möchte dem Publikum und den Interpret*innen keine Regeln aufbürden. Doch trotz des unkonventionellen Settings schleichen sich alte Konzertkonventionen auf die Veranstaltung. Es gibt einige Besucher, die den Abend am liebsten als normales Kammermusikkonzert genießen möchten– nur eben nicht im Konzertsaal, sondern im bequemen Sessel. Am besten ohne klirrende Flaschen, am besten ohne Applaus zwischen den Sonatensätzen und am besten ohne genuschelte Kommentare des Sitznachbarn. Dabei geht es auch um Grundsätzliches: Um Respekt vor den Interpret*innen und vor der Wirkung von Musik. Unausgesprochen, aber offensichtlich spaltet diese Frage das Publikum: Wieviel Konvention tut einer Konzertkultur gut, wieviel ertragen wir?

Den feinen Zwist zwischen denen, die das Angebot des möglichst konventionsfreien Raumes annehmen möchten und denen, die Klangrausch gerne besuchen, aber Mendelssohn eigentlich nur in absoluter Stille und ohne Lichtprojektionen genießen können, wird es immer geben. Der egalitäre Anspruch des Formats ist jedoch erstrebens- und erhaltenswert. Spätestens als die Party dann gegen 01:00 Uhr in die Gänge kommt, zeigt sich, dass Klangrausch praktikable Kombinationsmöglichkeiten zwischen klassischer Musik und Clubkultur aufzeigt und dabei verschiedene Zielgruppen zusammenbringt. Das letztendliche Potential des Formats liegt sicherlich mitunter darin, den Zugang zur Klassik weiter zu begreifen – in diesem Fall durch einen intermedialen Fokus –, als es der konventionelle Markt aktuell noch tut. Fest steht: Kein neues Format kann nur darauf abzielen, Klassik in ihrem Status Quo in ein neues Setting zu bringen. Ziel muss es sein, im neuen Setting – egal ob in der Scheune oder im Schwimmbad  – Rezipierende und Interpretierende miteinander ins Gespräch zu bringen und so die Ausgangslage und Zukunft der klassischen Musik und ihre Konventionen neu zu verhandeln. Klangrausch ist dabei.

Gleich neben dem Tod

von Roman Lüttin

Gustav Mahlers Musik ist von Widersprüchen durchzogen. Eine gute Interpretation arbeitet diese heraus – Gustavo Dudamel wählte in Berlin dafür einen besonderen Weg.

Seit zehn Jahren gastiert der Venezolaner regelmäßig bei den Berliner Philharmonikern – mal mit Mozart, Schubert und Beethoven, mal mit Adams und Strawinsky. Das Orchester hat ihn nun auserwählt: Dudamel führt das momentan chefdirigentenlose Orchester im November durch China, Thailand und Tawain. Die Tourprogramme gab es vorab bereits in Berlin zu hören. Es standen zunächst Bernsteins Divertimento for Orchestra und Mahlers Fünfte Sinfonie auf dem Programm. In der Woche darauf gab es wieder Bernstein zu hören, diesmal dessen Erste Sinfonie, und Schostakowitschs Fünfte.

Und wie klingt das so, Dudamel und Mahler?

Zu Beginn: recht nüchtern. In seiner Fünften drückt Mahler zwei Seiten des Leidens aus. Auf der einen Seite steht die Wucht und Radikalität der Klänge in einer schwer greifbaren Form, auf der anderen eine neue Intimität, voll von Elegie – Mahler hat damit die Wunderhorn-Sinfonien endgültig hinter sich gelassen. Dudamel will sich aber noch nicht für eine der Seiten entscheiden. In der ersten Abteilung wirkt er in sich gekehrt, er organisiert mehr, als dass er interpretiert. Und doch überzeugt das Orchester, „mit größter Vehemenz“, wie es die Partitur fordert, knallen die Bässe, die Pauken und die Trompeten – bis zum bittersüßen Schlusschoral. Hier entlockt Dudamel dem Bläsersatz ungeahnt warme Klangfarben – und Orchester und Dirigent beginnen sich offenbar wohl zu fühlen.

Eine der mitunter größten Schwierigkeiten bei der Interpretation des Scherzos ist es, einen durchgehend musikalischen Bogen zu erschaffen und aufrecht zu erhalten. Denn wenn Untergründe unter derselben Oberfläche ständig und fließend wechseln, wird auch der Kern der Oberfläche nie greifbar. Dudamel jedoch kennt die Schwierigkeiten und beherrscht das Handwerk, er arbeitet verborgene Stimmverläufe heraus, betont vor allem harmonische Progressionen. Er verbindet die vertrackte Kontrapunktik mit feinsinniger Emphase. Die Erhabenheit der Blechbläser wirkt seltsam vertraut. Bemerkenswert präzise differenziert er dann die Dynamiken und er baut einen Klangkosmos auf, über den die Solisten nur zu schweben brauchen – allen voran Stefan Dohr und Wenzel Fuchs.

© Stephan Rabold

Im magisch-melancholisch anmutenden Adagietto nimmt Dudamel sich sehr zurück. Beinahe kammermusikalisch überlässt er die Organisation den beiden Konzertmeistern, Daishin Kashimoto und Daniel Stabrawa. Im Finale lässt Dudamel dann viel laufen, doch keinesfalls unkontrolliert: Er vertraut den Musiker*innen blind, und dieser Vorschuss zahlt sich aus: Die Bass- und Violoncellogruppen werden zum Antrieb einer unnachgiebigen Maschinerie, die die verkopfte und wuchtig-schwere Form überwindet, hinter sich lässt, und vordringt zum wirklichen Kern der Mahlerschen Musik:

„Ein Schmerz an der Schönheit und der Hässlichkeit der Welt. Das Allerherrlichste wohnt bei ihm direkt neben dem Allerscheußlichsten, die Liebe neben dem Wahnsinn, und der gleich neben dem Tod.“ (Jürgen Otten)

Die Zusammenarbeit zwischen Dudamel und dem Orchester ist eine glückliche, zumindest an jenem Freitagabend. Denn so spät es die beeindruckten Zuhörenden auch bemerken sollten – in dieser Interpretation ging es um Konsequenz.

Die Schönheit der Überforderung

von Roman Lüttin

Die Donaueschinger Musiktage sind das wohl bedeutendste Festival für zeitgenössische Musik. In diesem Jahr war ich als Teilnehmer des „Next-Generation“-Programms erstmals vor Ort. Das Programm bietet jungen Komponist*innen, Interpret*innen und Wissenschaftler*innen die Möglichkeit, Konzerte des Festivals zu besuchen, sich in Seminaren und Diskussionsrunden mit den Uraufführungen auseinanderzusetzen und in das Netzwerk der vermeintlich „Erwachsenen“ einzutauchen. Wie das Festival meinen Blick auf die Szene der Neuen Musik veränderte:

1. Extreme Publikumsreaktionen sind in diesem Jahr offensichtlich out. Jubel gibt es kaum, Buhrufe noch weniger. Es ist wohl alles ganz okay, findet das fachkundigste Festival-Publikum Deutschlands. Ich dagegen reagiere extrem. Extrem positiv auf das Werk der geschichtenerzählenden Malin Bång (splinters of ebullient rebellion) und auf das bizarr-ernsthafte Konzert für Solo-Elektronik und Orchester von Marco Stroppa (Come Play With Me). Extrem fasziniert bin ich von Enno Poppes Rundfunk und Georges Aperghis‘ Musiktheaterinstallationskunstwerk Thinking things. Beide Werke sind künstlerische Dialoge mit der Vergangenheit – Aperghis wagt dabei (glücklicherweise) auch einen Blick in die Zukunft. Der einzige Komponist, den auch das Publikum wirklich feiert, ist Koka Nikoladze. Er stellt in seiner Komposition 21.10.2018 die Unmittelbarkeit in den Fokus: Unmittelbar Musizieren, Improvisieren, aufeinander Reagieren. Und das konnten die Mitglieder des Klangforum Wien! Neben dem Klangforum überzeugte in Donaueschingen vor allem das Symphonieorchester des SWR. Im Abschlusskonzert wurden die Musiker*innen von Benedict Mason nicht nur durch die Baar-Sporthalle von A nach B geschickt, sondern regelrecht getrieben – von A nach D, von C zu D, von E zu A. Hochkarätige Ensembles sind die halbe Miete für ein Festival – und von denen gab es in Donaueschingen viele.

2. Donnerstag, ein Tag vor Festivalbeginn. Zwischen Trossingen und Donaueschingen stellt sich der künstlerische Leiter Björn Gottstein im Reisebus den Fragen des Next-Generation-Programms. Fragen zu einzelnen Künstler*innen, zur Programmgestaltung, zu internen Abläufen. In seinen Antworten wird deutlich: Gottstein bemüht sich um ein gender- und generationensensibles Programm, er diskutiert mit den Studierenden über die Einführung einer Quote, klärt offen über die Schwierigkeiten geschlechtergerechter Programmplanung auf. Eigentlich sympathisch, aber: Die „eigenen“ Konzerte der Next-Generation-Teilnehmer*innen, ehemals einstudiert und uraufgeführt von Studierenden der Musikhochschule Trossingen, sind 2018 und auch 2019 gestrichen. Die Mittel fehlen, so die offizielle Begründung. Die Teilnehmenden des Nachwuchsprogramms sind enttäuscht, manche auch verärgert. In absehbarer Zukunft sind Konzerte der jungen Generation nicht mehr vorgesehen – ein falsches Signal.

3. Jedes Festival hat einen Rockstar, in diesem Jahr heißt er Enno Poppe. Mit seinem 60-minütigen Werk Rundfunk verwandelt er die Erich-Kästner-Halle am Samstagnachmittag zu einem sakralen Assoziationsraum. Gemeinsam mit acht Toningenieuren und deren Synthesizer-Setup rekonstruiert und rekombiniert er die Rundfunkklangwelten der 60er, 70er und 80er-Jahre. Am Tag vor der Uraufführung sitzt Poppe im Stockhausen-Saal der Donauhallen. Er spricht mit den Studierenden über Struktur in der (Neuen) Musik, über sein Verständnis von Ästhetik und was gute Musik seiner Meinung nach ausmacht:

„Music is something that is intense all the time, so if it’s not intense, it is not interesting. And if there is no structure, it won’t become intense.“

Tatsächlich ist seine Musik „intense“: Zunächst zerlegt er die historischen Klänge aus den Rundfunkstudios. Die Hommage an das Radio beginnt langsam, doch Poppe schichtet und koppelt die einzelnen Klangatome immer schneller zu einem farbig-wuchtigen Amalgam. Die neun Männer in knallig-orangefarbenen Hemden erinnern bei ihrem Streifzug durch die elektronische Soundgeschichte durchaus an Kraftwerk. Doch es sind nicht Menschen und Maschinen. Bei Poppe und dem ensemble mosaik überzeugt die reaktive und spontane Virtuosität – Menschen an Maschinen! Nach etwa 40 Minuten überfahren mich die dicht geballten Klangwände und ich verliere jegliche Orientierung im Saal. Dabei hatte mich Poppe bereits in seinem Programmheftbeitrag zu Rundfunk gewarnt:

„In dem Moment, wo ich nicht mehr verstehe, was geschieht, entsteht Kunst. Die Schönheit liegt in der Überforderung.“

Die Schönheit von Rundfunk liegt für mich jedoch nicht nur in der Überforderung. Sondern auch und vor allem in der so starren und gleichzeitig alles hinterfragenden Struktur.