Die Schönheit der Überforderung

von Roman Lüttin

Die Donaueschinger Musiktage sind das wohl bedeutendste Festival für zeitgenössische Musik. In diesem Jahr war ich als Teilnehmer des „Next-Generation“-Programms erstmals vor Ort. Das Programm bietet jungen Komponist*innen, Interpret*innen und Wissenschaftler*innen die Möglichkeit, Konzerte des Festivals zu besuchen, sich in Seminaren und Diskussionsrunden mit den Uraufführungen auseinanderzusetzen und in das Netzwerk der vermeintlich „Erwachsenen“ einzutauchen. Wie das Festival meinen Blick auf die Szene der Neuen Musik veränderte:

1. Extreme Publikumsreaktionen sind in diesem Jahr offensichtlich out. Jubel gibt es kaum, Buhrufe noch weniger. Es ist wohl alles ganz okay, findet das fachkundigste Festival-Publikum Deutschlands. Ich dagegen reagiere extrem. Extrem positiv auf das Werk der geschichtenerzählenden Malin Bång (splinters of ebullient rebellion) und auf das bizarr-ernsthafte Konzert für Solo-Elektronik und Orchester von Marco Stroppa (Come Play With Me). Extrem fasziniert bin ich von Enno Poppes Rundfunk und Georges Aperghis‘ Musiktheaterinstallationskunstwerk Thinking things. Beide Werke sind künstlerische Dialoge mit der Vergangenheit – Aperghis wagt dabei (glücklicherweise) auch einen Blick in die Zukunft. Der einzige Komponist, den auch das Publikum wirklich feiert, ist Koka Nikoladze. Er stellt in seiner Komposition 21.10.2018 die Unmittelbarkeit in den Fokus: Unmittelbar Musizieren, Improvisieren, aufeinander Reagieren. Und das konnten die Mitglieder des Klangforum Wien! Neben dem Klangforum überzeugte in Donaueschingen vor allem das Symphonieorchester des SWR. Im Abschlusskonzert wurden die Musiker*innen von Benedict Mason nicht nur durch die Baar-Sporthalle von A nach B geschickt, sondern regelrecht getrieben – von A nach D, von C zu D, von E zu A. Hochkarätige Ensembles sind die halbe Miete für ein Festival – und von denen gab es in Donaueschingen viele.

2. Donnerstag, ein Tag vor Festivalbeginn. Zwischen Trossingen und Donaueschingen stellt sich der künstlerische Leiter Björn Gottstein im Reisebus den Fragen des Next-Generation-Programms. Fragen zu einzelnen Künstler*innen, zur Programmgestaltung, zu internen Abläufen. In seinen Antworten wird deutlich: Gottstein bemüht sich um ein gender- und generationensensibles Programm, er diskutiert mit den Studierenden über die Einführung einer Quote, klärt offen über die Schwierigkeiten geschlechtergerechter Programmplanung auf. Eigentlich sympathisch, aber: Die „eigenen“ Konzerte der Next-Generation-Teilnehmer*innen, ehemals einstudiert und uraufgeführt von Studierenden der Musikhochschule Trossingen, sind 2018 und auch 2019 gestrichen. Die Mittel fehlen, so die offizielle Begründung. Die Teilnehmenden des Nachwuchsprogramms sind enttäuscht, manche auch verärgert. In absehbarer Zukunft sind Konzerte der jungen Generation nicht mehr vorgesehen – ein falsches Signal.

3. Jedes Festival hat einen Rockstar, in diesem Jahr heißt er Enno Poppe. Mit seinem 60-minütigen Werk Rundfunk verwandelt er die Erich-Kästner-Halle am Samstagnachmittag zu einem sakralen Assoziationsraum. Gemeinsam mit acht Toningenieuren und deren Synthesizer-Setup rekonstruiert und rekombiniert er die Rundfunkklangwelten der 60er, 70er und 80er-Jahre. Am Tag vor der Uraufführung sitzt Poppe im Stockhausen-Saal der Donauhallen. Er spricht mit den Studierenden über Struktur in der (Neuen) Musik, über sein Verständnis von Ästhetik und was gute Musik seiner Meinung nach ausmacht:

„Music is something that is intense all the time, so if it’s not intense, it is not interesting. And if there is no structure, it won’t become intense.“

Tatsächlich ist seine Musik „intense“: Zunächst zerlegt er die historischen Klänge aus den Rundfunkstudios. Die Hommage an das Radio beginnt langsam, doch Poppe schichtet und koppelt die einzelnen Klangatome immer schneller zu einem farbig-wuchtigen Amalgam. Die neun Männer in knallig-orangefarbenen Hemden erinnern bei ihrem Streifzug durch die elektronische Soundgeschichte durchaus an Kraftwerk. Doch es sind nicht Menschen und Maschinen. Bei Poppe und dem ensemble mosaik überzeugt die reaktive und spontane Virtuosität – Menschen an Maschinen! Nach etwa 40 Minuten überfahren mich die dicht geballten Klangwände und ich verliere jegliche Orientierung im Saal. Dabei hatte mich Poppe bereits in seinem Programmheftbeitrag zu Rundfunk gewarnt:

„In dem Moment, wo ich nicht mehr verstehe, was geschieht, entsteht Kunst. Die Schönheit liegt in der Überforderung.“

Die Schönheit von Rundfunk liegt für mich jedoch nicht nur in der Überforderung. Sondern auch und vor allem in der so starren und gleichzeitig alles hinterfragenden Struktur.

Neulich bei der Uraufführung

von Anna Chernomordik

Der Titel ist gelogen. Es war eine Erstaufführung. Und deswegen war ich nicht einmal da, sondern wegen „Pierrot Lunaire“, einem Stück nicht mehr neuer, aber doch wenig gehörter Musik. Arnold Schönberg hat es 1913 komponiert. Knapp 100 Jahre später traf es in der Schule im Musik-Unterricht bei mir voll ins Schwarze, seine düstere Atmosphäre, die schaurige Romantik der Sprache, die fremdartigen und berührenden Klänge, der leichte Wahnsinn in der gesungenen Sprechstimme. „Endlich habe ich einen Zugang zu neuer Musik!“, dachte ich mir.

Da hielt ich mich aber auch für fortschrittlich, weil ich zeitgenössischer Musik grundsätzlich nicht abgeneigt war. Einige Jahre später hörte ich also das Werk endlich im Konzert, mit einer erstklassigen Besetzung, in einem großen Konzertsaal. (War cool, übrigens, aber es kam nicht ans erste Mal Hören heran und darum geht’s hier auch nicht.) Vorangestellt wurden zwei deutsche Erstaufführungen.

Die Ohren gespitzt, die Klänge aufgesogen, bin ich in der ersten längeren Pause eingeschlafen. Es hat nichts genützt, das verräterisch ruckartige Herunterfallen des Kopfes durch ein betont langsames in-den-Nacken-Rollen abzufangen, als würde man nur die Hörposition wechseln. Wen will ich denn hier beeindrucken? Spätestens beim Applaus fühle ich mich ertappt. Das kleine aber offenbar expertige Publikum jubelt, Bravo-Rufe, eine Frau klopft dem in den ersten Reihen sitzenden Komponisten anerkennend auf die Schulter. Hier ist die Klassikszene lebendig, hier passiert etwas. Aber was? Gern würde ich in die Köpfe der Leute schauen, der Jubelnden, der Nickenden, aber auch derjenigen, die fluchtartig den Raum verlassen.

Was sind das für Menschen, die sich in diesem Konzert wiederfinden? Oder bin ich die einzige, die sich nicht zugehörig fühlt? Je mehr ich höre, desto offener werden meine Ohren, das ist eigentlich die Devise. Und ich gebe mich auch nicht als Expertin aus, aber komplett ahnungslos bin ich auch nicht. Außerdem gab es eine Einführung, einen Einleitungstext und für besonders Interessierte ja sogar die Möglichkeit, den Komponisten anzusprechen. Aber es ist schon schwer zuzugeben, dass man eigentlich nichts verstanden hat. Da war nur so ein Gefühl. Das reicht nicht und das ist sehr frustrierend, als würde die schwere Tür, die man gerade einen Spalt weit aufgekriegt hat, wieder zufallen. Nur ein kleiner ignoranter Hoffnungsschimmer wispert: „Vielleicht war’s ja die falsche?“