Top 5 Musikstücke im Schatten

Von Sebastian Herold

Wie Leuchttürme ragen sie auf vor dem weiten Horizont der klassischen Musik: Werke, die als „Meisterwerke“ betitelt, heiß geliebt und oft gespielt werden, die sich scheinbar unauslöschlich in den Kanon eingebrannt haben. Doch verstellen diese herausragenden Stücke manchmal den Blick auf ihre Umgebung, sodass andere Stücke, obwohl sie nicht völlig unbekannt und auch nicht zwangsläufig unterschätzt sind, in ihrem Umfeld untergehen. Hier nun unsere Top 5 der Werke, die im Schatten ihrer großen Geschwister stehen.

5. Bachs C-Dur-Fuge aus dem „Wohltemperierten Klavier“, Bd. 1

Es ist es ja nicht so, dass das „Wohltemperierte Klavier“ an sich unbekannt wäre. Doch hat vor allem ein Stück daraus den Sprung in die internationale Berühmtheit geschafft: das erste Präludium in C-Dur BWV 846 – eine minimalistische harmonische Meditation, über die Charles Gounod 130 Jahre später die berühmte „Ave Maria“-Melodie legte. Im Vergleich tut sich die C-Dur-Fuge, obwohl sie eigentlich mit dem Präludium zusammen ein Paar formiert, schon ein wenig schwerer. Symptomatisch dafür kann ein Konzert stehen, das ich neulich besuchte: Nachdem der Pianist als Zugabe das C-Dur-Präludium vollendet hatte, musste sich die zugehörige Fuge für einen kurzen Moment gegen den schon ansetzenden Applaus durchsetzen.

4. Mozarts kleine Gigue G-Dur KV 574

Das Gesamtwerk eines Komponisten wie Mozart ist so umfangreich, dass zwangsläufig manches im Schatten der (vielen!) Leuchtturm-Stücke steht. Völlig subjektiv greife ich diese faszinierende kleine Gigue heraus. Mozart bedient sich hier barocker Stilmittel, das Thema ähnelt einzelnen Themen von Händel und Bach. Gleichzeitig vermengt er den alten Kontrapunkt mit seinem individuellen Zugriff und schafft somit ein gewitztes, ziemlich zeitloses Stück mit ein paar metrischen Verwirrspielen.

3. Rachmaninows 4. Klavierkonzert

Im Vergleich mit seinem zweiten (1900/1901) und dritten (1909) Klavierkonzert wird das vierte selten gespielt: 1914 begann Rachmaninow die Komposition und beendete sie erst nach über zehn Jahren, dann revidierte er das Werk nochmals im Jahr 1941. Rachmaninows Musik klingt hier durchaus ‚moderner‘, auch ruppiger als in den vorangehenden Konzerten. Er reichert das Stück mit ungewöhnlicheren harmonischen Verbindungen an, und doch gibt es die gewohnten Höhepunkte und weit ausgespannten Melodiebögen. Vielleicht ist es diese Mischung, die das Stück stilistisch schwerer greifbar macht als seine vorangegangenen Konzerte.

2. Schumanns Lied „Auf einer Burg“ 

Der Liederkreis op. 39, zu dem dieses Lied gehört, ist zwar einer der bekanntesten Schumann-Zyklen. Doch die „Mondnacht“ löste sich als Einzelstück aus dem Zyklus heraus und wurde über diesen Kontext hinaus berühmt. In diesem Sinne stehen einige der übrigen 11 Lieder des Zyklus zumindest ein bisschen in deren Schatten. Wiederum ganz subjektiv greife ich „Auf einer Burg“ heraus, an dem mich ganz besonders die reibungsvollen Klängen faszinieren, die Schumann auf den Worten „Krause“ und „Jahre“ erzeugt (und an den analogen späteren Stellen).

1. Tschaikowskis 2. Klavierkonzert

Dass Pjotr Iljitsch Tschaikowski mehrere Klavierkonzerte geschrieben hat, lässt sich leicht vergessen, wenn man sich die Spielplangestaltung der Konzertinstitutionen anschaut. Wenige Jahre nach seinem ersten Klavierkonzert b-Moll (1874/75) folgte 1879/80 sein zweites in G-Dur, das sich ebenso sehr zu hören lohnt! Nun könnte man natürlich sagen, dass das b-Moll-Konzert eben doch eine größere Fülle an markanten Momenten und einprägsamen Melodien hat, schon wenn man die Anfänge der beiden Konzerte vergleicht. Aber gleichzeitig kann man sich fragen: Sind einprägsame Melodien aufgrund ihrer kompositorischen Anlage einprägsam, oder weil wir sie seit Jahren, seit Generationen immer wieder hören, sie lieb gewonnen haben und sie sich somit schlicht und einfach in unser musikalisches Gedächtnis eingeprägt haben?

Wie auch immer: Die Faktoren, warum ein Stück enorme Bekanntheit erlangt, ein anderes aber nicht, sind vielfältig und komplex, und oft nicht völlig nachzuvollziehen. Freuen wir uns also über viele tolle „Leuchttürme“ – und darüber, dass es daneben noch viel mehr zu entdecken gibt!