Beethoven und die Musik der ganzen Welt

von Karl Ludwig

Am 10. September 1821 berichtet Ludwig von Beethoven seinem Verleger Tobias Haslinger von einem Traum: „Während ich nun schlummere, so träumte mir, ich reiste sehr weit, nicht weniger nach Syrien, nicht weniger nach Indien, wieder zurück nicht weniger nach Arabien, endlich kam ich gar nach Jerusalem.“ Besonders das ferne Indien beflügelte okzidentale Träume im Europa des 19. Jahrhunderts. Opern, Salonstücke und Gassenhauer waren mit dem süßen Duft unbekannter Fremde umhüllt. Tanz, Gesang und die atmosphärische Tanpura verleiteten zu traumhaften Projektionen. Heute muss man für diesen Traum gar nicht mehr weit reisen, denn es reicht für manches schon der Blick auf YouTube:

Längst schon ist Beethoven ganz real in der ganzen Welt unterwegs. Als Inbegriff westlicher Kunstmusik ist er im fernen Osten genau so zu Hause wie im Westen. Der Kanon klassischer Kunstmusik hat sich auf dem ganzen Erdkreis verbreitet. Das aber scheint auch Beethoven selbst, musikalischer Träumer der er war, schon geahnt zu haben. „Nun fiel mir während meiner Traumreise folgender Kanon ein: Eine einstimmige Melodie auf den Namen des zu beschwichtigenden Verlegers – ‚O, Tobias Haslinger‘.“ Mit diesem Rundgesang flog Beethoven also um die Welt.

Um den Welthit „Für Elise“ rankt sich eine unermessliche Fülle an Interpretationen. Bürgerstöchter in Wohnzimmern, Reisende auf Flughafenklavieren, Trinker auf Leierkästen, in Orchesterfassungen, mit Chor, scherzhaft, klimpernd, sentimental, angeberisch; in tausend Stimmen vereint das Stück Musikkulturen. Zu fragen wieviel Beethoven in jeder dieser Stimmen noch steckt oder wieviel indische Improvisationskunst in diese Fassung von Debojyoti Chakraborty gelegt wurde, ist müßig. Undurchdringlich sind die Routen des Traumes, und jedes Stück gelangt früher oder später wieder bei sich selbst an: „Allein kaum erwachte ich, fort war der Kanon und es wollte mir nichts mehr davon ins Gedächtnis kommen.“

„Gemäß dem Gesetz der Ideenassoziation …“

Zum Glück haben wir heute das weltumspannende Archiv YouTube und mit ihm eine Musik- und Interpretationsfülle, die Beethoven sich nicht hat träumen lassen – und das in den virtuellen Weiten heutiger Tage zu Netzfundstücken wie diesem führt. Wir klicken uns assoziativ von Video zu Video und entdecken die ungewöhnlichsten Dinge. Ein bisschen folgen wir dabei dem gleichen Gesetz wie der Komponist selbst, der seine Melodie wiederfand, indem er „die gestrige Traumreise wieder, jetzt wachend, fortsetzte“: „Siehe da“, schreibt er, „gemäß dem Gesetz der Ideenassoziation fiel mir wieder jener Kanon ein.“

Der erste internationale Beethovenpreis wurde 2015 übrigens an den Syrer Aeham Ahmad verliehen.